Kirchenmalerei

Wer eine äthiopische Kirche betritt steht oft vor einer Wand voller Farben. Heilige, Engel und biblische Szenen bedecken Wände, Decken und Vorhänge. Die Figuren sind flach gemalt, mit klaren Umrissen und kräftigen Farben. Heilige schauen den Betrachter mit großen augen direkt an. Böse Figuren dagegen werden meist im Profil gezeigt, sodass man ihnen nie ganz ins Gesicht sieht. Das ist kein Zufall, sondern eine feste Regel dieser Malerei.

Viele Bilder erzählen Geschichten, die jeder Gläubige kennt: die Geburt Jesu, die Flucht nach Ägypten, Maria mit dem Kind. Sehr beliebt ist der heilige Georg, der auf einem weißen Pferd den Drachen tötet. Berühmt ist die Decke der Kirche Debre Berhan Selassie in Gondar aus dem 17. Jahrhundert. Sie ist mit Reihen geflügelter Engelsköpfe bemalt, die von oben auf die Besucher blicken. Viele Kirchen stehen allerdings in Regionen, für die derzeit Reisewarnungen gelten.

Traditionell malten Kirchenmaler auf Lehmputz, auf Holztafeln und auf Stoff. Ikonen auf Holz, oft als kleine Klapptafeln mit zwei oder drei Teilen, waren für die private Andacht gedacht. Heute werden viele dieser Motive auch für Besucher gemalt, auf Leinwand oder Ziegenleder. Das ist legitime Gegenwartskunst, solange sie nicht als alt verkauft wird.

Handschriften auf Pergament

Äthiopien hat eine der ältesten Buchtraditionen der Welt. Bis ins 20. Jahrhundert wurden religiöse Texte von Hand geschrieben, auf Pergament aus ziegenhaut, in der Kirchensprache Ge'ez und in schwarzer und roter Tinte. Viele Handschriften sind mit Bildern verziert. Die Garima-Evangelien aus einem Kloster bei Adwa gelten als eines der ältesten erhaltenen bebilderten Evangeliare überhaupt. In Klöstern und Kirchen werden bis heute tausende Handschriften aufbewahrt und im Gottesdienst benutzt.

Eine eigene Gattung sind Schutzrollen. Das sind lange, schmale Streifen aus Pergament mit Gebeten und Bildern von Engeln und Augen. Sie werden für eine bestimmte Person angefertigt und sollen sie vor Krankheit und Unglück schützen. Für die Menschen, denen sie gehören, sind sie etwas sehr Persönliches.

Kreuze

Kaum ein Gegenstand ist so typisch für Äthiopien wie das Kreuz. Es gibt große Prozessionskreuze, die auf Stangen getragen werden, Handkreuze, die Priester bei sich haben, und kleine Halskreuze, die viele Gläubige tragen. Die Formen sind sehr vielfältig: durchbrochenes Gitterwerk, verschlungene Linien, kleine Kreuze innerhalb des großen. Einige Grundformen sind nach Orten benannt, etwa nach Lalibela, Aksum oder Gondar.

Hergestellt werden die Kreuze aus Messing, Silber, Eisen oder Holz. Wenn ein Priester dir sein Kreuz hinhält küssen Gläubige es oder berühren es mit der Stirn. Als Gast musst du das nicht tun, ein respektvolles Nicken reicht. Mehr zum Glauben dahinter erklärt die Seite Religion in Äthiopien.

Webstoffe und Kleidung

Weißer Baumwollstoff ist im Hochland die traditionelle Festkleidung. Er wird auf einfachen Webstühlen von Hand gewebt und heißt Shemma. Typisch ist eine bordüre in bunten Mustern, die Tibeb heißt und an den Rändern eingewebt wird. Manche Muster sind schlicht, andere sehr aufwendig, mit Kreuzen, Rauten und Sternen.

Zwei Tücher solltest du kennen. Die Netela ist ein dünnes, leichtes Tuch, das Frauen über Kopf und Schultern legen, besonders zum Kirchgang. Die Gabi ist ein dicker stoff aus mehreren Lagen, der wärmt und auch als Decke dient. Frauen tragen zu Festen oft ein Kleid aus demselben Stoff, das Habesha Kemis genannt wird. Bei Timkat und anderen Festen sieht man ganze Straßen in Weiß.

Wer ein Tuch kaufen möchte findet in Addis Abeba große Auswahl. Bekannt für ihre Webkunst sind unter anderem die Dorze aus den Gamo-Bergen im Süden. Viele Weber arbeiten in kleinen Werkstätten oder Kooperativen.

Körbe, Töpferei und Holz

Geflochtene Körbe gehören in fast jeden Haushalt. Besonders bekannt sind die farbigen Körbe aus Harar, die von Frauen geflochten werden. In traditionellen Häusern der Stadt hängen sie dicht an dicht und schmücken die wände der Wohnräume. Im Hochland ist die Mesob verbreitet, ein großer, geflochtener Korbtisch mit Deckel, auf dem Injera serviert wird. Mehr dazu steht im Glossar unter Mesob.

Kaffee wird aus einer tönernen Jebena in eine kleine Tasse gegossen
Die Jebena wird aus Ton gebrannt und ist aus der Kaffeezeremonie nicht wegzudenken.

Töpferei ist in vielen Regionen Frauensache. Die bekannteste Form ist die Jebena, die bauchige Kaffeekanne aus Ton mit langem Hals. Daneben entstehen Kochtöpfe, Wasserkrüge und Platten zum Backen von Injera. Holz wird zu Hockern, Stühlen, Löffeln und Kopfstützen geschnitzt. Bekannt sind zum Beispiel die Holzmöbel aus der Gegend um Jimma.

Eine Besonderheit sind die Waka der Konso: geschnitzte Holzfiguren, die auf den Gräbern bedeutender Männer aufgestellt werden. Sie erinnern an das Leben und die Taten der Verstorbenen. Weil in der Vergangenheit viele dieser Figuren gestohlen und verkauft wurden, gilt: Kauf keine Waka. Echte Grabfiguren gehören an ihren Ort.

Moderne Kunst

Eine wichtige Rolle für die moderne Kunst spielt die Kunstschule in Addis Abeba, die heute Alle School of Fine Arts and Design heißt und zur Universität gehört. Als die Schule 1958 gegründet wurde gab es kaum Ausbildung in moderner Malerei im Land. Viele der bekanntesten Künstlerinnen und Künstler haben dort gelernt oder gelehrt.

Afewerk Tekle wurde mit Porträts, Wandbildern und den großen Glasfenstern der Africa Hall in Addis Abeba bekannt. Gebre Kristos Desta brachte in den 1960er Jahren die abstrakte Malerei nach Äthiopien und war zugleich Dichter. Heute ist äthiopische Kunst auf internationalen Ausstellungen vertreten. Die in Addis Abeba geborene Malerin Julie Mehretu lebt in New York und gehört zu den bekanntesten abstrakten Künstlerinnen ihrer Generation. Elias Sime arbeitet mit Materialien wie Kabeln und Teilen alter Elektronik. In Addis Abeba gibt es eine Reihe von Galerien, in denen junge Künstler ausstellen.

Fair und legal einkaufen

Traditionelles Handwerk ist für viele Familien eine wichtige Einnahmequelle. Kauf am besten direkt bei Herstellern, Kooperativen oder Läden, die offen sagen, woher ihre Waren stammen. Handeln ist auf Märkten üblich, sollte aber fair bleiben.

Antiquitäten und Ausfuhr

Was auf dem Markt als alt verkauft wird ist meist neu gemacht, und das ist auch gut so. Echte alte Kulturgüter wie Handschriften, Ikonen, Kreuze oder Grabfiguren dürfen nur mit einer Genehmigung der zuständigen äthiopischen Behörde ausgeführt werden. Ohne diese Genehmigung kann der Zoll die Stücke bei der Ausreise einbehalten. Auch bei der Einfuhr nach Deutschland können Nachweise über die Herkunft nötig sein. Lass im Zweifel die Finger davon.

Gute Mitbringsel sind Tücher, Körbe, neue Kreuze aus Messing oder Silber, Bilder lebender Künstler und natürlich Kaffee. Wer sich für die Kaffeekanne interessiert, findet im Glossar mehr zur Jebena.

Häufige Fragen

Was ist eine Netela?

Ein dünnes, handgewebtes Baumwolltuch mit bunter Bordüre, das vor allem Frauen über Kopf und Schultern tragen.

Darf ich alte Kreuze oder Handschriften ausführen?

Nur mit einer Ausfuhrgenehmigung der zuständigen Behörde. Ohne Genehmigung droht die Beschlagnahme. Neu gefertigte Stücke sind unproblematisch.

Wer ist Afewerk Tekle?

Einer der bekanntesten Maler Äthiopiens. Von ihm stammen unter anderem die großen Glasfenster der Africa Hall in Addis Abeba.

Quellen

  • Encyclopaedia Aethiopica, Artikel zu Malerei, Handschriften und Kreuzen
  • Addis Ababa University: Alle School of Fine Arts and Design, Geschichte
  • Ethiopian Heritage Authority: Ausfuhr von Kulturgütern

Stand der Angaben: 2. November 2026