Ein eigener Klang
Wer zum ersten Mal zuhört merkt schnell, dass hier etwas anders ist. Die meisten äthiopischen Lieder beruhen auf Tonleitern mit fünf Tönen, die Qenet heißen. Vier davon sind besonders verbreitet: Tizita, Bati, Ambassel und Anchihoye. Jede hat ihre eigene Stimmung. Tizita ist zugleich das amharische Wort für Sehnsucht und Erinnerung, und genau so klingen viele Lieder in dieser Tonart: wehmütig, ein bisschen traurig, aber warm.
Gesungen wird oft mit vielen Verzierungen und einem leichten Vibrato. Die Texte spielen gern mit doppelten Bedeutungen. Dieses Spiel heißt Sem-ena-Werq, Wachs und Gold: Hinter der Oberfläche eines Verses steckt eine zweite, oft verborgene Aussage. Wer Amharisch versteht, hat an einem guten Abend viel zu lachen.
Kirchenmusik und Yared
Ein wichtiger Teil der äthiopischen Musik hat seine Wurzeln in der Kirche. Die orthodoxe Tradition führt ihren Kirchengesang auf den heiligen Yared zurück, der im 6. Jahrhundert in Aksum gelebt haben soll. Ihm wird zugeschrieben, die drei Gesangsweisen der Kirche geschaffen zu haben: Ge'ez, Ezel und Araray. Ge'ez gilt als schlicht, Ezel als ernst und getragen, Araray als leicht und lebendig. Gesungen wird in der alten Kirchensprache Ge'ez.
Die Gesänge werden bis heute zum großen Teil mündlich weitergegeben. Die Ausbildung zum Kirchensänger, Debtera genannt, dauert viele Jahre. Später entstand zusätzlich eine eigene Notenschrift aus kleinen Zeichen, die über den Text geschrieben werden. Zum Gottesdienst gehören die Kebero, eine große Trommel, und die Tsenatsel, eine Rassel aus Metall. Dazu bewegen sich die Sänger langsam im Takt und stützen sich auf einen Gebetsstab. Wer einmal bei einer der Timkat-Prozessionen war, kennt diesen Klang.
Die wichtigsten Instrumente
- Krar
Eine kleine Leier mit fünf oder sechs Saiten. Sie wird gezupft oder geschlagen und ist das Instrument der Unterhaltungsmusik schlechthin. Heute gibt es auch elektrisch verstärkte Versionen.
- Masenqo
Eine Fiedel mit nur einer Saite und einem rautenförmigen Körper. Sie wird mit einem Bogen gespielt. Obwohl sie nur eine saite hat, klingt sie erstaunlich ausdrucksstark. Die Masenqo ist das typische Instrument der Azmari.
- Begena
Eine große Leier mit zehn Saiten und einem tiefen, schnarrenden Klang. Sie ist für religiöse und besinnliche Musik gedacht und wird vor allem in der fastenzeit vor Ostern gespielt. Unterhaltungsmusik auf der Begena gilt als unpassend.
- Washint
Eine Flöte aus Bambus mit wenigen Grifflöchern. Früher spielten Hirten sie auf den Weiden, heute gehört sie in viele Bands.
- Kebero
Trommeln in verschiedenen Größen, mit Leder bespannt. Die große Kebero wird in der Kirche gespielt, kleinere bei Festen und Tänzen.
Azmari: Sänger mit spitzer Zunge
Azmari sind Sängerinnen und Sänger, die sich meist selbst auf der Masenqo oder der Krar begleiten. Früher zogen sie über Land und traten bei Hochzeiten und Festen auf, heute spielen viele in kleinen Lokalen, den Azmari Bet. Wenn ein Azmari singt erfindet er die Verse oft spontan. Er kommentiert das Publikum, macht Witze über die Gäste und lobt die, die großzügig sind. Ein bisschen Spott gehört dazu, gemeint ist er freundlich.
Wenn ein gast im Lied vorkommt, ist es üblich, ein Trinkgeld zu geben. Oft wird ein Geldschein direkt übergeben oder an die Stirn des Sängers gedrückt. Dazu trinkt man gern Tej, einen Honigwein. Mehr dazu steht im Glossar unter Tej. Azmari Bet gibt es vor allem in Addis Abeba, und ein Abend dort ist eine der schönsten Arten, die Stadt kennenzulernen.
Die goldenen Jahre und der Ethio-Jazz
In den 1960er und frühen 1970er Jahren erlebte Addis Abeba eine Blütezeit der modernen Musik. Große Orchester, viele davon bei Armee, Polizei und Kaiserlicher Garde angesiedelt, spielten eine Mischung aus äthiopischen Tonarten, Soul, Funk und Swing. Sängerinnen und Sänger wie Tilahun Gessesse, Mahmoud Ahmed oder Alemayehu Eshete wurden landesweit berühmt. Die Bläser gaben dieser Musik ihren unverwechselbaren klang. Was in den Clubs gespielt wurde nahmen kleine Labels auf Schallplatte auf.
Ein Name steht für diese Zeit besonders: Mulatu Astatke. Er studierte Musik in London und in den USA und verband dort äthiopische Tonleitern mit Jazz und lateinamerikanischen Rhythmen. Als Mulatu Astatke zurückkam brachte er diesen Stil mit nach Addis Abeba. Heute gilt er als Vater des Ethio-Jazz. Einem breiteren Publikum im Westen wurde seine Musik unter anderem durch den Film Broken Flowers von Jim Jarmusch aus dem Jahr 2005 bekannt.
Nach dem Sturz des Kaisers 1974 endete die Blütezeit. Die Militärregierung verhängte Ausgangssperren, das Nachtleben brach ein, und viele Musiker gingen ins Ausland. Dass die Aufnahmen dieser Jahre heute wieder bekannt sind, liegt auch an der Reihe Éthiopiques. Der französische Produzent Francis Falceto veröffentlicht sie seit 1997 beim Label Buda Musique. Die Reihe ist ein guter Einstieg, wenn du äthiopische Musik entdecken willst. Mehr zur Zeit von Kaiser und Militärregierung findest du im Überblick zur Geschichte Äthiopiens.
Musik heute
Die heutige Popmusik verbindet traditionelle Tonarten mit modernen Beats. Viele Stars sind im ganzen Land bekannt, und ihre Lieder laufen in Taxis, Cafés und auf Hochzeiten. Gesungen wird nicht nur auf Amharisch, sondern auch auf Afaan Oromo, Tigrinya und in vielen anderen Sprachen. Gerade die Musik in Afaan Oromo hat in den letzten Jahrzehnten stark an Bedeutung gewonnen. In Addis Abeba gibt es außerdem eine lebendige Jazzszene, und junge Bands spielen den Ethio-Jazz der 1970er Jahre neu.
Tanzkultur: Schultern, Nacken, Füße
Die äthiopische Tanzkultur ist so vielfältig wie das Land. Fast jede Region und jedes Volk hat eigene Tänze, eigene Rhythmen und eigene Kleidung dafür. Am bekanntesten ist Eskista aus dem Hochland. Bei diesem Tanz bewegen sich vor allem die schultern, Brust und Nacken, schnell, rhythmisch und mit erstaunlicher Kontrolle. Der Rest des Körpers bleibt fast ruhig.
Andere Tänze sehen ganz anders aus. In Tigray tanzen Gruppen oft im Kreis zu gleichmäßigen Schritten. Bei vielen Tänzen der Oromo spielen Kopf und Nacken eine große Rolle, bei den Gurage schnelle Fußarbeit und Sprünge, bei den Wolaita Bewegungen der Hüfte. Getanzt wird bei Hochzeiten, an Festtagen und überall dort, wo Musik läuft. Wer tanzen lernen möchte braucht vor allem Mut: Gäste werden gern auf die Tanzfläche geholt, und niemand erwartet Perfektion.
Wo du Tanz erleben kannst
In Addis Abeba gibt es Kulturrestaurants, in denen abends Gruppen Tänze aus verschiedenen Regionen zeigen. Das ist auf Besucher ausgerichtet, gibt aber einen guten Überblick. Echter ist es bei Hochzeiten oder Festen, zu denen man eingeladen wird. In Deutschland treten äthiopische Musiker und Tanzgruppen bei Konzerten und Gemeindefesten auf.
Wie du einsteigen kannst
- Hör dich durch die Reihe Éthiopiques, am besten mit den Bänden zu Mahmoud Ahmed und Mulatu Astatke.
- Such nach Aufnahmen von Krar, Masenqo und Begena, um die Instrumente einzeln zu hören.
- Achte bei Konzerten in Deutschland auf Ethio-Jazz-Bands, die regelmäßig auf Tour sind.
- Besuche, wenn möglich, einen Gottesdienst zu einem Festtag und hör dir den Kirchengesang an.
Häufige Fragen
Was ist Eskista?
Eskista ist ein Tanz aus dem Hochland, bei dem vor allem Schultern, Brust und Nacken bewegt werden. Er ist der bekannteste äthiopische Tanz.
Wer gilt als Vater des Ethio-Jazz?
Mulatu Astatke. Er verband in den 1960er Jahren äthiopische Tonleitern mit Jazz und lateinamerikanischen Rhythmen.
Was ist ein Azmari?
Ein Sänger oder eine Sängerin, die sich meist auf der Masenqo begleitet und Verse oft spontan erfindet, gern mit Witz und Anspielungen auf das Publikum.
Quellen
- Encyclopaedia Aethiopica, Artikel zu Zema, Krar, Masenqo und Azmari
- Buda Musique: Reihe Éthiopiques, Katalog
Stand der Angaben: 2. November 2026


