Wer woran glaubt

Zahlen zur Religionszugehörigkeit stammen bis heute aus der Volkszählung von 2007, weil seitdem keine neue Zählung stattgefunden hat. Damals bezeichneten sich 43,5 Prozent als äthiopisch-orthodox, 33,9 Prozent als muslimisch, 18,6 Prozent als protestantisch, 2,6 Prozent folgten traditionellen Religionen und 0,7 Prozent waren katholisch. Fachleute gehen davon aus, dass sich die Anteile seitdem verschoben haben, vor allem zugunsten der protestantischen Kirchen. Belastbare neue Zahlen gibt es aber nicht.

Religionszugehörigkeit laut Volkszählung 2007. Neuere amtliche Zahlen liegen nicht vor.
GlaubensrichtungAnteil 2007Regionale Schwerpunkte
Äthiopisch-orthodox43,5 %nördliches und zentrales Hochland, Städte
Muslimisch33,9 %Osten, Südosten, Afar, Somali, Teile Oromias
Protestantisch18,6 %Süden und Westen, zunehmend Städte
Traditionelle Religionen2,6 %Süden und Westen
Katholisch0,7 %verstreut, Schwerpunkt Norden und Süden

Die Verteilung ist regional sehr unterschiedlich. Wer an einem Sonntagmorgen durch eine Stadt im Hochland geht hört Gesänge aus der Kirche und sieht Menschen in weißen Tüchern. In Harar, Dire Dawa oder Jijiga prägen dagegen Moscheen und der Ruf zum Gebet das Bild. Laut Verfassung ist Äthiopien ein säkularer Staat ohne Staatsreligion.

Die äthiopisch-orthodoxe Kirche

Das Christentum kam im 4. Jahrhundert nach Aksum, als König Ezana sich taufen ließ. Die äthiopisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche gehört zur Familie der orientalisch-orthodoxen Kirchen. Über viele Jahrhunderte wurde ihr Oberhaupt von der koptischen Kirche in Ägypten eingesetzt. Seit 1959 ist sie eigenständig und hat einen eigenen Patriarchen.

Die Kirche hat eigene Traditionen, die sie von westlichen Kirchen unterscheiden. Die Liturgie wird in Ge’ez gesungen, einer alten Sprache, die im Alltag niemand mehr spricht. Jede Kirche hat einen Tabot, eine geweihte Tafel, die für die Bundeslade steht und nur von Priestern gesehen werden darf. Zum Kirchenjahr gehören viele Heiligentage, besonders verehrt werden Maria, der heilige Georg und der heilige Michael. Ein priester trägt oft ein Handkreuz, das Gläubige zum Segen küssen.

Viele Kirchen sind rund gebaut, mit einem inneren Allerheiligsten. Die gläubigen stehen während des oft stundenlangen Gottesdienstes, manche stützen sich auf Gebetsstöcke. Klöster, etwa auf den Inseln im Tanasee oder in den Bergen Tigrays, sind bis heute Orte der Gelehrsamkeit. Mehr zum Tabot steht im Glossar unter Tabot.

Fasten als Teil des Alltags

Für orthodoxe Christen gehört das Fasten fest zum Jahr. Gefastet wird an den meisten Mittwochen und Freitagen und in mehreren längeren Fastenzeiten, die längste vor Ostern dauert 55 Tage. An Fastentagen verzichten Gläubige auf Fleisch, Milchprodukte und Eier, oft auch bis zum Nachmittag auf jede Mahlzeit. Priester und besonders fromme Menschen fasten an noch mehr Tagen. Wenn die Fastenzeit endet wird groß gefeiert, zu Ostern mit Doro Wot und vielen Gästen.

Musliminnen und Muslime fasten im Ramadan von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang. Das fastenbrechen am Abend ist oft ein gemeinschaftliches Ereignis. Das Ende des Ramadan wird mit Eid al-Fitr gefeiert, das Opferfest mit Eid al-Adha. Beide sind gesetzliche Feiertage. Die Fastentraditionen erklären übrigens, warum die äthiopische Küche so viele vegane Gerichte kennt, siehe vegetarisch und vegan essen.

Gelebter Glaube zeigt sich auch im Kleinen. Viele orthodoxe Christen tragen eine Mateb, eine dünne Schnur um den Hals, die an die Taufe erinnert, oft mit einem kleinen Kreuz. Wer an einer Kirche vorbeigeht, bleibt manchmal kurz stehen, verneigt sich oder küsst das Tor. Am Freitagmittag schließen in muslimisch geprägten Vierteln viele Läden für das gemeinsame Gebet. Und bei Beerdigungen oder Hochzeiten kommen Nachbarn unabhängig von ihrer Religion vorbei, um zu helfen.

Der Islam in Äthiopien

Der Islam ist in Äthiopien fast so alt wie die Religion selbst. Nach islamischer Überlieferung fanden frühe Anhänger des Propheten Mohammed, die in Mekka verfolgt wurden um 615 Schutz beim christlichen König von Aksum. Diese erste Hidschra gilt als Zeichen der Gastfreundschaft. Der Ort Negash im heutigen Tigray, an dem einige von ihnen begraben sein sollen, ist ein Pilgerziel.

Über Handelsrouten verbreitete sich der Islam im Osten und Süden. Harar wurde zu einem bedeutenden Zentrum islamischer Gelehrsamkeit, mit zahlreichen Moscheen und Schreinen. Die meisten Musliminnen und Muslime in Äthiopien sind Sunniten, Sufi-Traditionen mit Verehrung von Heiligen und gemeinsamen Gebeten spielen vielerorts eine große Rolle. Eine moschee besucht man als Gast nur angemessen gekleidet und außerhalb der Gebetszeiten, am besten nach Rückfrage.

Protestanten, Katholiken und andere

Protestantische Kirchen, im Land oft Pente genannt, sind die am schnellsten wachsende Glaubensgemeinschaft. Ihre Wurzeln liegen in der Missionsarbeit des 19. und 20. Jahrhunderts, heute sind sie eigenständige äthiopische Kirchen mit lebendigen Gottesdiensten, viel Musik und großen Gemeinden. Die größte ist die Mekane-Yesus-Kirche. Die katholische Kirche ist kleiner und hat Gemeinden mit eigener äthiopischer Liturgie.

Traditionelle Religionen leben vor allem im Süden und Westen weiter. In Oromia gewinnt Waaqeffannaa wieder an Bedeutung, der Glaube an Waaqa, den Schöpfergott der Oromo, der eng mit dem Gada-System und dem Fest Irreecha verbunden ist. Eine besondere Geschichte haben die Beta Israel, äthiopische Jüdinnen und Juden. Der größte Teil der Gemeinschaft, der in den 1980er und 1990er Jahren in großen Luftbrücken nach Israel ausgewandert ist lebt heute dort, kleine Gruppen gibt es weiterhin in Äthiopien.

Zusammenleben und Spannungen

In vielen Orten leben Christen und Muslime seit Generationen nebeneinander. Die nachbarn gratulieren sich zu Festen, essen zusammen und helfen sich im Alltag. Christliche Metzger und muslimische Metzger schlachten getrennt, damit beide Seiten essen können, was ihre Religion erlaubt. Gemischte Familien kommen vor.

Trotzdem gibt es Spannungen, etwa um Land für Kirchen und Moscheen, um politischen Einfluss oder durch Konflikte, bei denen Religion und Herkunft vermischt werden. Auch innerhalb der Glaubensgemeinschaften gibt es Streit. Ein ehrliches Bild nennt beides: die lange Tradition des Miteinanders und die Konflikte, die es belasten.

Religiöse Orte respektvoll besuchen

  • Wer eine Kirche besuchen möchte zieht vor dem Eingang die Schuhe aus. Frauen bedecken meist den Kopf.
  • Schultern und Knie bedeckt halten, auch bei Hitze.
  • Während Gottesdiensten und Gebeten nicht fotografieren, außerhalb vorher fragen.
  • In manche Bereiche von Kirchen und Klöstern dürfen nur Männer oder nur Priester. Das wird vor Ort meist erklärt.
  • Bei Festen und Prozessionen Abstand halten und den Weg freilassen.

Mehr Hinweise für Begegnungen im Alltag gibt die Seite Gastfreundschaft und Etikette. Die großen Feste stellt Feste und Feiertage vor.

Häufige Fragen

Welche Religion ist in Äthiopien am stärksten vertreten?

Die äthiopisch-orthodoxe Kirche, laut Volkszählung 2007 mit 43,5 Prozent. Der Islam folgt mit 33,9 Prozent, Protestanten mit 18,6 Prozent. Neuere amtliche Zahlen gibt es nicht.

Was bedeutet Tewahedo?

Das Ge’ez-Wort bedeutet „vereint“ oder „eins gemacht“ und bezieht sich auf die Lehre, dass in Christus Göttliches und Menschliches eine untrennbare Einheit bilden. Es steht im Namen der orthodoxen Kirche.

Ist Äthiopien ein christliches Land?

Historisch hat das Christentum das Hochland stark geprägt. Heute ist Äthiopien aber ein Land mit mehreren großen Glaubensgemeinschaften und laut Verfassung ein säkularer Staat.

Quellen

  • Central Statistical Agency of Ethiopia: Population and Housing Census 2007 (Religionsangaben, über Wikipedia: Religion in Ethiopia)
  • UNESCO: Ethiopian epiphany (Timkat)
  • UNESCO: Commemoration feast of the finding of the True Holy Cross of Christ (Meskel)
  • UNESCO: Harar Jugol, the Fortified Historic Town
  • Encyclopaedia Britannica: Ethiopian Orthodox Tewahedo Church

Stand der Angaben: 2. November 2026