Hunger hatte es schon vorher gegeben
Hungersnöte sind in der Geschichte Äthiopiens keine Seltenheit. Ende des 19. Jahrhunderts tötete eine Rinderseuche große Teile der Herden, und in den folgenden Jahren starb nach Schätzungen ein Drittel der Bevölkerung im Norden. 1972 und 1973 traf eine Hungersnot die Provinz Wollo, an der Zehntausende starben. Die Regierung von Kaiser Haile Selassie versuchte, sie zu verschweigen. Erst als ein britischer Fernsehfilm die bilder zeigte, wurde sie weltweit bekannt. Die Empörung darüber trug zum Sturz des Kaisers 1974 bei. Wie es danach weiterging, erklärt der Glossarbeitrag Derg.
Wie es zur Katastrophe kam
Die Hungersnot von 1984/85 hatte mehrere Ursachen. Anfang der 1980er Jahre blieben im Norden des Landes mehrere Regenzeiten aus oder fielen sehr schwach aus. Betroffen waren vor allem Tigray, Wollo und Teile von Eritrea, das damals zu Äthiopien gehörte. Doch eine dürre allein erklärt die Hungersnot nicht. Historiker und Menschenrechtsorganisationen sind sich weitgehend einig, dass Krieg und Politik die Not entscheidend verschärften.
Wer im Norden lebte war in diesen Jahren von mehreren Seiten bedroht. Die Militärregierung des Derg führte Krieg gegen Befreiungsbewegungen in Eritrea und Tigray. Armee und Luftwaffe griffen Märkte und Dörfer an, die unter Kontrolle der Rebellen standen. Händler konnten Getreide nicht mehr transportieren, Bauern trauten sich nicht auf die Felder. Gleichzeitig zwang der Staat Bauern, Getreide zu festen, niedrigen Preisen abzugeben, und verbot zeitweise den freien Handel zwischen den Regionen. Familien verloren so ihre Reserven, bevor die Dürre überhaupt ihren Höhepunkt erreichte.
Das Schweigen der Regierung
Hilfsorganisationen warnten früh. Doch die Regierung spielte das Ausmaß lange herunter. Als im September 1984 der zehnte Jahrestag der Revolution gefeiert wurde war das Elend im Norden längst unübersehbar. In Addis Abeba wurden dennoch Paraden abgehalten, Tribünen gebaut und teurer Whisky importiert, um die Gründung der neuen Arbeiterpartei zu feiern. Ausländische Journalisten durften erst nach den Feiern in die Notstandsgebiete reisen.
Die Bilder aus Korem
Im Oktober 1984 erreichten ein Team der BBC um den Reporter Michael Buerk und der kenianische Kameramann Mohamed Amin das Lager von Korem in der Provinz Wollo. Dort hatten sich Zehntausende Menschen auf der Suche nach Nahrung versammelt. Täglich starben im lager Kinder und Erwachsene. Buerk beschrieb die Lage als eine biblische Hungersnot im 20. Jahrhundert. Was der Bericht zeigte ging um die Welt. Hunderte Fernsehsender übernahmen die Aufnahmen. Die Bilder aus dem Lager prägten für Jahrzehnte das Bild, das viele Menschen in Europa und Nordamerika von Äthiopien hatten.
Band Aid und Live Aid
Die Berichte bewegten den irischen Musiker Bob Geldof und den Schotten Midge Ure. Mit bekannten britischen und irischen Musikerinnen und Musikern nahmen sie im November 1984 eine single auf, „Do They Know It's Christmas?“. Sie wurde einer der meistverkauften Hits in Großbritannien. In den USA folgte „We Are the World“, in Deutschland das Projekt „Band für Afrika“ mit dem Lied „Nackt im Wind“. Am 13. Juli 1985 fanden in London und Philadelphia die Live-Aid-Konzerte statt, die weltweit im Fernsehen übertragen wurden. Insgesamt kamen Spenden in Höhe von rund 150 Millionen Pfund zusammen.
Die Hilfe rettete viele Leben. Sie war aber auch umstritten. Kritiker bemängelten, dass das Lied ein sehr einseitiges Bild von Afrika zeichnete. Andere wiesen darauf hin, dass die Regierung des Derg die Hilfe teilweise für ihre eigenen Ziele nutzte, etwa für Umsiedlungen. Gleichzeitig lief in den Gebieten der Rebellen eine eigene Hilfe über den Sudan, die weniger bekannt war.
Umsiedlung und Zwangsmaßnahmen
Die Regierung nutzte die Krise für ein umstrittenes Programm. Sie ließ Hunderttausende Menschen aus dem Norden in den Süden und Westen des Landes umsiedeln, oft gegen ihren Willen. Offiziell sollte das die Menschen aus erschöpften Gebieten in fruchtbarere Regionen bringen. Kritiker sahen darin auch einen Versuch, den Rebellen die Unterstützung der Bevölkerung zu entziehen. Die Umsiedlungen waren schlecht vorbereitet, Familien wurden getrennt, und viele starben auf dem Transport oder in den neuen Siedlungen an Krankheiten. Dazu kam ein Programm, das Bauern in neue Dörfer zusammenzog.
Wie viele Menschen starben
Wie viele Menschen starben ist nicht genau bekannt. Die meisten Schätzungen liegen zwischen etwa 400.000 und einer Million Toten. Human Rights Watch kam 1991 in einer umfangreichen Studie zu dem Schluss, dass ein großer Teil der Todesopfer auf die Kriegsführung und die Politik der Regierung zurückging und nicht auf die Dürre allein. Hinzu kamen Menschen, die bei den Umsiedlungen starben.
Was danach kam
Die Hungersnot schwächte den Derg weiter. 1991 wurde die Militärregierung von einem Bündnis von Rebellenbewegungen gestürzt, angeführt von der Befreiungsfront aus Tigray, die in den Jahren des Hungers viel Rückhalt gewonnen hatte. Die neue Regierung baute das frühwarnsystem aus, das noch unter dem Derg entstanden war, und schuf ein staatliches Programm, das Familien in chronisch armen Gebieten Nahrung oder Geld für Arbeit an öffentlichen Projekten gibt. Ernteausfälle werden damit heute deutlich früher erkannt. Das Sicherheitsnetz gibt es seit 2005, es gehört zu den größten seiner Art in Afrika.
Dürren gab es auch später, etwa 2015 und 2016 oder zwischen 2020 und 2023 im Süden und Südosten. Hungersnöte im Ausmaß von 1984 blieben in Friedenszeiten aber aus. Das zeigt, wie stark Hunger von Politik und Konflikten abhängt. Ob Hilfe ankommt hängt bis heute davon ab, ob Straßen offen sind und Regierungen und bewaffnete Gruppen sie durchlassen.
Ein Bild, das bleibt
Für viele Menschen in Äthiopien ist das Bild von 1984 eine Last. Sie erleben, dass ihr Land im Ausland vor allem mit Hunger verbunden wird, obwohl es eine reiche Geschichte, eine vielfältige Kultur und in vielen Regionen fruchtbare Landwirtschaft hat. Dieses Portal versucht, beides zu zeigen: die Katastrophen und das Land, das mehr ist als seine Krisen. Einen Überblick über die Geschichte gibt die Seite Geschichte Äthiopiens, wie verantwortungsvolles Reisen aussieht, die Seite Nachhaltig reisen.
Häufige Fragen
Wann war die große Hungersnot in Äthiopien?
Vor allem 1983 bis 1985, mit dem Höhepunkt 1984. Am stärksten betroffen waren Tigray, Wollo und Teile des heutigen Eritrea.
War nur die Dürre schuld?
Nein. Die Dürre war der Auslöser, doch Krieg, Handelsbeschränkungen, Zwangsabgaben und Umsiedlungen der Militärregierung machten aus ihr eine Hungersnot.
Was war Live Aid?
Zwei große Benefizkonzerte am 13. Juli 1985 in London und Philadelphia, organisiert von Bob Geldof und Midge Ure, um Geld für die Hungernden in Äthiopien zu sammeln.
Quellen
- Alex de Waal / Africa Watch: Evil Days. Thirty Years of War and Famine in Ethiopia, Human Rights Watch, New York 1991
- Bahru Zewde: A History of Modern Ethiopia, 1855 bis 1991, 2. Auflage, Oxford 2001
- Peter Gill: Famine and Foreigners. Ethiopia since Live Aid, Oxford 2010
- Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Famines und Resettlement
- Famine Early Warning Systems Network (FEWS NET): Ethiopia
Stand der Angaben: 3. November 2026



