Das Prinzip: ein Teller für alle
Äthiopisches Essen ist ein gemeinsames Essen. Meist kommt eine große runde Platte auf den Tisch, belegt mit Injera, dem weichen Fladenbrot aus Teff. Darauf werden die Gerichte in kleinen Portionen verteilt: Eintöpfe, Gemüse, Fleisch, Salat. Alle essen von derselben Platte, jeder von seiner Seite aus. Was wie eine Tischdecke aussieht ist also das Brot, und es wird mitgegessen. Zusätzliche Injera gibt es gerollt in einem Korb oder auf einem Teller daneben.
In traditionellen Haushalten und manchen Restaurants steht die Platte auf einer Mesob, einem geflochtenen Korbtisch, um den man auf niedrigen Hockern sitzt. Mehr dazu im Glossar unter Mesob.
Mit den Händen essen
Besteck gibt es in vielen Restaurants auf Nachfrage, üblich ist es aber nicht. Gegessen wird mit der rechten Hand. Du reißt ein Stück Injera ab, nimmst damit etwas von einem Gericht auf und isst beides zusammen. Das klingt ungewohnt, geht aber schnell. Ein paar Tipps:
- Reiße kleine stücke ab, etwa so groß wie deine Handfläche.
- Nimm das Essen mit dem Injera auf, indem du es leicht zusammendrückst, ohne die finger in die Soße zu tauchen.
- Iss mit der rechten Hand. Die linke gilt traditionell als unrein.
- Beginne an deinem Rand der Platte und arbeite dich nicht quer über den Teller.
Vor dem Essen wird oft Wasser zum Händewaschen gebracht, manchmal in einer Kanne, aus der jemand Wasser über die Hände gießt. In Restaurants gibt es meist ein Waschbecken. Nach dem Essen wäscht man sich die Hände noch einmal, denn Soßen mit Berbere färben Hände gern rot.
Gursha: ein Bissen aus fremder Hand
Wenn dir jemand einen Bissen reicht direkt bis an den Mund, ist das ein Zeichen von Zuneigung und Respekt. Diese Geste heißt Gursha. Unter Freunden, in Familien und bei Festen ist das üblich. Es ist höflich, den Bissen anzunehmen. Mehr dazu im Glossar unter Gursha. Wie Gastfreundschaft sonst funktioniert, erklärt die Seite Gastfreundschaft und Etikette.
Was bestellen?
Wer zum ersten Mal bestellt ist mit einer gemischten Platte gut beraten. Viele Restaurants bieten Kombinationen für zwei oder mehr Personen an, oft mit mehreren Fleischgerichten und Gemüse. Eine vegetarische Kombination heißt häufig Beyaynetu, was so viel wie „von jedem etwas“ bedeutet. Sie enthält verschiedene Linsen-, Erbsen- und Gemüsegerichte und ist ein sehr guter Einstieg, auch für Menschen, die Fleisch essen.

Einige Gerichte, die du kennen solltest:
- Shiro: ein cremiger Eintopf aus gemahlenen Kichererbsen oder Erbsen.
- Misir Wot: rote Linsen in würziger Soße.
- Doro Wot: Hähnchen in einer dunklen, scharfen Soße mit Ei, das Festgericht.
- Tibs: gebratene Fleischstücke mit Zwiebeln und Paprika.
- Gomen: gedünsteter Grünkohl oder Mangold.
- Kitfo: gehacktes Rindfleisch mit Gewürzbutter, oft roh oder kurz erwärmt.
Ausführlich stellt die Seite Typische äthiopische Gerichte die Speisen vor.
Auf vielen Speisekarten stehen die Namen in amharischer oder tigrinischer Sprache, oft mit einer kurzen Erklärung. Frag ruhig nach, was sich hinter einem Namen verbirgt und ob das Gericht scharf ist. Das Personal ist solche Fragen gewohnt. Hilfreich sind außerdem die kurzen Erklärungen im Glossar, etwa zu Wot oder Tibs.
Wie scharf ist es?
Viele Gerichte sind gewürzt, aber nicht alle sind scharf. Die rote Gewürzmischung Berbere sorgt für Schärfe und Farbe in Gerichten, die Key Wot heißen. Mildere Gerichte, oft gelblich mit Kurkuma, heißen Alicha. Wer es mild mag fragt nach Alicha oder bittet um weniger Schärfe. In Deutschland passen viele Restaurants die Schärfe ohnehin an. Mehr zu den Gewürzen steht auf der Seite Äthiopische Gewürze.
Was trinken?
Zum Essen gibt es Wasser, Softdrinks, Bier und in vielen Restaurants Tej, einen honigwein, der leicht süß und je nach Herstellung unterschiedlich stark ist. Er wird traditionell in einer bauchigen Glasflasche serviert, die Berele heißt. Auf dem Land gibt es Tella, ein selbst gebrautes Bier aus Getreide. Beliebt ist auch Mineralwasser aus Ambo, einer Quelle westlich von Addis Abeba. Kalte getränke sind in einfachen Lokalen nicht immer selbstverständlich. Zum Abschluss gehört Kaffee, oft mit einer kleinen Zeremonie. Mehr dazu auf der Seite Kaffee und Kaffeezeremonie.
Am Tisch
Wer die Küche entspannt kennenlernen will, sollte ein paar Gewohnheiten kennen. Bestell lieber etwas mehr Injera, als zu wenig. Das Brot ist Teil jeder Portion, und es ist normal, nachzubestellen. Das Beste kommt oft zum Schluss: Die unterste Lage Injera hat sich mit den Soßen vollgesogen und schmeckt besonders gut. Wer sie liegen lässt, verpasst etwas.
Gastgeber achten darauf, dass niemand hungrig aufsteht. Es kann passieren, dass dir immer wieder etwas nachgelegt wird. Wenn du satt bist, sag es freundlich, gern mit einer Geste zum Bauch. Auf Amharisch heißt „ich bin satt“ bekagn. Mehr Wörter für den Tisch stehen auf der Seite Amharisch für Reisende.
Gegessen wird in Ruhe. Ein äthiopisches Essen ist selten eine schnelle Mahlzeit, sondern ein geselliges Beisammensein, bei dem geredet, gelacht und am Ende Kaffee getrunken wird. Wer allein essen geht, bekommt die Gerichte oft auf einer kleineren Platte serviert. Schöner ist es aber zu zweit oder in einer Gruppe, weil man dann mehr verschiedene Gerichte probieren kann.
Fastentage
Orthodoxe Christen fasten mittwochs und freitags sowie in längeren Fastenzeiten, etwa vor Ostern. An diesen Tagen verzichten sie auf Fleisch, Milchprodukte und Eier. Viele Restaurants in Äthiopien servieren dann vor allem Fastenspeisen, die vegan sind. Das ist eine gute Gelegenheit, die Vielfalt der vegetarischen Küche kennenzulernen. Was du dabei beachten solltest, steht auf der Seite Vegetarisch und vegan essen.
In einem Restaurant in Deutschland
In vielen deutschen Städten gibt es äthiopische und eritreische Restaurants. Die beiden Küchen sind eng verwandt. Sobald das Essen kommt gilt dasselbe wie in Äthiopien: teilen, mit der Hand essen, frische injera nachbestellen, wenn sie ausgeht. Die meisten Gastgeber erklären gern, was auf dem Teller liegt. Ein Verzeichnis äthiopischer Restaurants in Deutschland entsteht im Bereich Restaurantverzeichnis für Deutschland.
Häufige Fragen
Isst man äthiopisches Essen mit den Händen?
Ja, mit der rechten Hand und Stücken von Injera. Besteck gibt es in Restaurants meist auf Nachfrage.
Ist äthiopisches Essen immer scharf?
Nein. Gerichte mit Berbere sind scharf, mildere Alicha-Gerichte nicht. Du kannst nach milden Varianten fragen.
Was sollte ich beim ersten Mal bestellen?
Eine gemischte Platte für mehrere Personen oder eine vegetarische Beyaynetu-Platte. So probierst du viele Gerichte auf einmal.
Quellen
- Encyclopaedia Aethiopica, Artikel zu Injära, Wät und Tischsitten
- Harry Kloman: Mesob Across America, Ethiopian Food in the U.S.A., iUniverse
Stand der Angaben: 3. November 2026




