Die Region Amhara

Amhara ist nach Oromia die bevölkerungsreichste Region Äthiopiens. Hier liegen Bahir Dar am Tanasee, die alte Kaiserstadt Gondar, die Felsenkirchen von Lalibela und das Simien-Gebirge. Viele der bekanntesten Reiseziele des Landes liegen also in dieser Region. Seit 2023 ist Amhara aber vor allem Schauplatz eines bewaffneten Konflikts, der in Europa kaum wahrgenommen wird.

Momentaufnahme vom 3. November 2026

Die Kämpfe in Amhara verlaufen wechselhaft. Frontlinien, Straßensperren und Zahlen können sich innerhalb weniger Wochen verschieben. Diese Seite beschreibt den Stand zum genannten Datum und wird regelmäßig überprüft. Für Reiseentscheidungen gelten allein die aktuellen Hinweise des Auswärtigen Amts.

Wer die Fano sind

Wer in Äthiopien von Fano spricht meint ursprünglich freiwillige Kämpfer, die sich in Zeiten der Not zusammenschließen. Das Wort ist alt und taucht in Liedern über den Widerstand gegen Italien auf. In den Jahren der Proteste gegen die EPRDF-Regierung ab 2016 bildeten sich in Amhara neue Gruppen junger Männer, die sich so nannten. Sie verstehen sich als Verteidiger der Amhara, die sie politisch benachteiligt und in anderen Regionen bedroht sehen.

Fano ist keine einheitliche Organisation. Es gibt viele Gruppen mit eigenen Anführern, die vor allem in den alten Provinzen Gojjam, Gondar, Wollo und Shewa aktiv sind. Weil die Gruppen lange unabhängig voneinander kämpften gab es immer wieder Streit über Ziele und Führung. Mehrere Versuche, eine gemeinsame führung zu schaffen, scheiterten. Im Januar 2026 schlossen sich mehrere große Gruppen zur Nationalen Fano-Bewegung Amharas zusammen, kurz AFNM. Andere Gruppen blieben außen vor.

Vom Verbündeten zum Gegner

Im Krieg in Tigray von 2020 bis 2022 kämpften Fano-Milizen und die spezialkräfte der Region Amhara an der Seite der Bundesarmee. Sie übernahmen dabei die Kontrolle über den Westen Tigrays und Raya, Gebiete, die viele Amhara als historisch ihr eigenes Land ansehen und die Tigray für sich beansprucht. Mehr dazu auf der Seite Der Tigray-Krieg.

Das Abkommen von Pretoria im November 2022 wurde ohne Beteiligung von Vertretern aus Amhara geschlossen. Viele dort fühlten sich übergangen und fürchteten, die umstrittenen Gebiete zu verlieren. Als die Regierung im April 2023 die regionalen Spezialkräfte auflösen wollte kam es zu Protesten. Die Regierung wollte diese Einheiten in allen Regionen in Armee und Polizei eingliedern. In Amhara sahen viele darin eine Entwaffnung, während gleichzeitig Gefahr drohte. Ein Teil der Kämpfer schloss sich den Fano an.

Der Aufstand ab 2023

Im Sommer 2023 eskalierte die Lage. Anfang August 2023 brachten Fano-Kämpfer für einige Tage Lalibela und große Teile von Gondar unter ihre Kontrolle, auch in Bahir Dar wurde gekämpft. Die Regierung verhängte daraufhin den ausnahmezustand über die Region, der im Februar 2024 einmal verlängert wurde und im Juni 2024 endete. Die Armee eroberte die Städte schnell zurück, doch auf dem Land setzten sich die Kämpfe fort. Seitdem kontrollieren Fano-Gruppen große ländliche Gebiete, während Armee und Behörden vor allem die Städte und Hauptstraßen halten.

Die Kämpfe werden mit großer Härte geführt. Die Armee setzt Drohnen ein, die nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen mehrfach Zivilisten trafen, etwa auf einem Markt, auf Straßen oder in Wohngebieten. Die Äthiopische Menschenrechtskommission und Amnesty International berichteten außerdem über Tötungen von Zivilisten durch Soldaten, unter anderem in Bahir Dar im August 2023 und in Merawi im Januar 2024. Den Fano werden ebenfalls Tötungen, Entführungen und Erpressungen vorgeworfen. Die Regierung weist die meisten Vorwürfe zurück.

Was der Krieg im Alltag bedeutet

Was auf dem Land geschieht dringt nur teilweise nach außen. Das Internet war in der Region über lange Zeit abgeschaltet oder eingeschränkt, Journalisten haben kaum Zugang. Straßen werden gesperrt, Busse fahren unregelmäßig, Händler können ihre Waren nicht transportieren. Wer auf dem markt Getreide verkaufen will, riskiert auf dem Weg Kontrollen oder Überfälle. Gesundheitsstationen sind beschädigt oder ohne Personal.

Besonders hart trifft es Kinder. In vielen Gebieten blieben die schulen über lange Zeit geschlossen, nach Angaben von UNICEF waren in Amhara zeitweise mehrere Millionen Kinder ohne Unterricht. Auch Lalibela und Gondar, die früher von Besuchern aus aller Welt lebten, sind wirtschaftlich schwer getroffen. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in die gesamte Region. Was das für die Reiseziele bedeutet, steht auf der Seite Lalibela.

Die Lage 2026

Im Laufe des Jahres 2025 und 2026 gingen die Kämpfe weiter. Im September 2026 schloss sich die Fano-Bewegung mit der TPLF, der Oromo Liberation Army und weiteren Gruppen zu einem Bündnis zusammen, das den Sturz der Regierung in Addis Abeba zum Ziel erklärt hat. Seitdem wird auch an der Grenze zwischen Amhara, Tigray und Afar gekämpft. Die Regierung wirft Eritrea vor, Fano mit Waffen zu versorgen, Eritrea bestreitet das. Nach Angaben des Auswärtigen Amts gibt es außerdem Auseinandersetzungen im Grenzgebiet zum Sudan.

Ob Verhandlungen möglich sind ist offen. Die Regierung hat mehrfach Gespräche angeboten, aber verlangt, dass die Gruppen die Waffen niederlegen. Die Fano fordern dagegen politische Veränderungen, die über die Region hinausgehen. Eine vereinbarte Waffenruhe gab es bisher nicht. Einen Überblick über alle bewaffneten Gruppen im Land gibt die Seite Bewaffnete Gruppen in Äthiopien.

Häufige Fragen

Was bedeutet Fano?

Ursprünglich ein Wort für freiwillige Kämpfer. Heute bezeichnet es bewaffnete Gruppen in Amhara, die sich als Verteidiger der Amhara verstehen und seit 2023 gegen die Bundesarmee kämpfen.

Warum kämpfen die Fano gegen die Regierung?

Auslöser war 2023 die Auflösung der regionalen Spezialkräfte. Dahinter stehen der Streit um Gebiete wie den Westen Tigrays, Gewalt gegen Amhara in anderen Regionen und das Gefühl, politisch übergangen zu werden.

Kann man nach Lalibela oder Gondar reisen?

Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in die gesamte Region Amhara. Flug- und Straßenverbindungen sind unsicher.

Quellen

  • Ethiopian Human Rights Commission: Berichte zur Lage in der Region Amhara, 2023 bis 2025
  • Amnesty International: Ethiopia, Berichte zu außergerichtlichen Tötungen in Bahir Dar und Merawi, 2023 und 2024
  • Armed Conflict Location and Event Data (ACLED): Ethiopia Situation Updates, 2023 bis 2026
  • International Crisis Group: Berichte zu Äthiopien, 2023 bis 2026
  • Auswärtiges Amt: Äthiopien, Reise- und Sicherheitshinweise, Stand 2. November 2026

Stand der Angaben: 3. November 2026