Viele Konflikte zugleich

Wer verstehen will warum in Äthiopien an so vielen Orten gekämpft wird, muss den Aufbau des Landes kennen. Äthiopien ist ein Bundesstaat, dessen Regionen weitgehend nach Sprach- und Bevölkerungsgruppen gebildet wurden. Viele Konflikte drehen sich um die Frage, wie viel Macht die Regionen haben, wer in umstrittenen Gebieten das Sagen hat und welche Gruppe sich vom Staat vertreten fühlt. Dazu kommen alte Erfahrungen von Unterdrückung, Streit um Land und Wasser und die Rolle der Nachbarländer. Wie dieser Bundesstaat entstand, erklärt die Seite EPRDF und ethnischer Föderalismus.

Momentaufnahme vom 3. November 2026

Wer in Äthiopien gegen wen kämpft, ändert sich immer wieder. Bündnisse, Namen von Gruppen und Frontlinien können sich innerhalb weniger Wochen verschieben. Diese Seite beschreibt den Stand zum genannten Datum und wird regelmäßig überprüft. Für Reiseentscheidungen gelten allein die aktuellen Hinweise des Auswärtigen Amts.

Die wichtigsten Gruppen

Die folgende Übersicht nennt die Gruppen, die zum genannten Datum eine größere Rolle spielen. Die Angaben zu Stärke und Kontrolle sind Schätzungen und ändern sich schnell.

GruppeRegionWofür sie kämpftStand
TPLF und Tigray-KräfteTigraySelbstbestimmung Tigrays, Rückgabe umstrittener Gebiete, Rückkehr der VertriebenenSeit September 2026 wieder im Krieg mit der Bundesarmee, Rückzug aus Mekelle Anfang Oktober
Fano, Nationale Fano-Bewegung AmharasAmharaSchutz der Amhara, umstrittene Gebiete, Sturz der RegierungAufstand seit 2023, kontrolliert ländliche Gebiete
Oromo Liberation Army (OLA)OromiaSelbstbestimmung der Oromo, Sturz der RegierungKämpft seit 2019, Gespräche 2023 gescheitert
Gruppen in Benishangul-GumuzBenishangul-GumuzLand, Teilhabe, Schutz der GumuzTeilweise Abkommen, anhaltende Gewalt
Gruppen in der Somali-RegionSomali-RegionSelbstbestimmung, RessourcenFriedensabkommen 2018, einzelne Fraktionen wieder bewaffnet
al-ShabaabGrenze zu SomaliaIslamistischer Staat in SomaliaEinzelne Angriffe auf äthiopisches Gebiet

TPLF und Tigray

Die Volksbefreiungsfront von Tigray entstand 1975 als Rebellenbewegung gegen den Derg und führte von 1991 bis 2018 das Regierungsbündnis des ganzen Landes. Nach dem Machtwechsel 2018 kam es zum Bruch mit der Bundesregierung und von 2020 bis 2022 zum Krieg. Innerhalb Tigrays ist die TPLF heute gespalten. Ein Teil früherer Funktionäre und Kommandeure arbeitet mit der Bundesregierung zusammen und kämpft mit ihr gegen die TPLF-Führung. Die ganze Geschichte erzählt die Seite Der Tigray-Krieg.

Fano in Amhara

Fano ist ein Sammelbegriff für bewaffnete Gruppen in Amhara, die sich als Verteidiger der Amhara verstehen. Im Tigray-Krieg kämpften sie an der Seite der Bundesarmee, seit 2023 gegen sie. Lange waren sie zersplittert, im Januar 2026 schlossen sich mehrere große Gruppen zu einer gemeinsamen Bewegung zusammen. Mehr dazu auf der Seite Konflikt in Amhara.

OLA in Oromia

Die Oromo Liberation Army spaltete sich 2019 von der Oromo-Befreiungsfront ab und kämpft vor allem im Westen und Süden Oromias. Ihr werden wie den Sicherheitskräften schwere Verbrechen gegen die zivilbevölkerung vorgeworfen. Gespräche in Tansania 2023 brachten keinen Durchbruch, einzelne Kommandeure schlossen später eigene Abkommen. Mehr dazu auf der Seite Oromia und die OLA.

Weitere Konfliktherde

In Benishangul-Gumuz im Westen, wo auch der große Staudamm am Blauen Nil liegt, kam es vor allem 2020 und 2021 zu schweren Angriffen bewaffneter Gruppen auf Dörfer, bei denen Hunderte Menschen starben. Die Regierung schloss später mit einzelnen Gruppen Abkommen, doch das Auswärtige Amt berichtet weiter von bewaffneten Auseinandersetzungen. In Gambela im Südwesten führen Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen und Angriffe aus dem Grenzgebiet zum Südsudan immer wieder zu Gewalt.

In der Somali-Region kämpfte die Nationale Befreiungsfront des Ogaden, ONLF, jahrzehntelang für die Selbstbestimmung der Region. 2018 schloss sie ein friedensabkommen mit der Regierung und wurde Partei. Seitdem ist die Bewegung gespalten, ein Teil steht wieder in Opposition. Zwischen den Regionen Afar und Somali gibt es außerdem wiederkehrende Kämpfe um Weideland und Orte an der Grenze. Im Juli 2022 drangen Kämpfer der somalischen Gruppe al-Shabaab über die Grenze in die Somali-Region ein und wurden nach Kämpfen zurückgedrängt.

Das Bündnis von 2026

Im September 2026 verkündeten mehrere Gruppen, darunter die TPLF, Fano-Kräfte und die OLA, ein gemeinsames Bündnis mit dem erklärten Ziel, die bundesregierung zu stürzen und eine Übergangsregierung zu bilden. Was die Gruppen verbindet ist vor allem die Gegnerschaft zur Regierung von Abiy Ahmed. In anderen Fragen sind sie sich keineswegs einig. Fano und die TPLF etwa beanspruchen beide den Westen Tigrays. Einzelne Gruppen, die als Mitglieder genannt wurden, bestritten ihre Beteiligung. Ob das Bündnis lange hält ist offen. Die Regierung wirft Eritrea vor, das Bündnis zu unterstützen, Eritrea bestreitet das.

Wie man Nachrichten einordnet

Weil sich Bündnisse schnell ändern ist jede Übersicht nur eine Momentaufnahme. Gruppen spalten sich, schließen Abkommen oder wechseln die Seite. Angaben über Siege, Verluste und Opferzahlen stammen oft von den Konfliktparteien selbst und lassen sich kaum überprüfen, weil Journalisten nur eingeschränkten Zugang haben und das Internet in Kampfgebieten häufig abgeschaltet ist. Wenn von Rebellen die Rede ist lohnt sich deshalb der Blick auf die Quelle. Unabhängige Organisationen wie die Äthiopische Menschenrechtskommission, ACLED oder die Vereinten Nationen geben einen verlässlicheren Eindruck.

Leidtragende aller Konflikte sind die Menschen in den betroffenen Gebieten. Millionen Menschen sind innerhalb des Landes vertrieben, Schulen und Gesundheitsstationen sind geschlossen, und vielerorts gibt es weder eine waffenruhe noch einen politischen Prozess. Für Reisende bedeutet das, dass große Teile des Landes derzeit nicht sicher zu bereisen sind, wie die Seite Sicherheit und Reisehinweise beschreibt. Häufig ist auch im grenzgebiet zu den Nachbarländern mit Gefahren zu rechnen.

Häufige Fragen

Herrscht in Äthiopien Bürgerkrieg?

In mehreren Regionen gibt es bewaffnete Konflikte zwischen Regierung und Rebellen, in Tigray, Amhara und Teilen Oromias mit schweren Kämpfen. Viele Beobachter sprechen deshalb von einem Bürgerkrieg, die Regierung selbst nennt es Einsätze gegen bewaffnete Gruppen.

Ist Addis Abeba betroffen?

Die Hauptstadt ist bisher weitgehend von Kämpfen verschont. Das Auswärtige Amt nennt aber Berichte über Drohnenangriffe auf militärische Einrichtungen, die offiziell nicht bestätigt sind, und rät zu erhöhter Vorsicht.

Quellen

  • Armed Conflict Location and Event Data (ACLED): Ethiopia Situation Updates und Akteursprofile, 2023 bis 2026
  • Uppsala Conflict Data Program: Ethiopia, Konflikte und Akteure
  • International Crisis Group: Berichte zu Äthiopien, 2020 bis 2026
  • Ethiopian Human Rights Commission: Jahresberichte zur Menschenrechtslage
  • Auswärtiges Amt: Äthiopien, Reise- und Sicherheitshinweise, Stand 2. November 2026

Stand der Angaben: 3. November 2026