Worum es geht

Tigray ist die nördlichste Region Äthiopiens, mit der Hauptstadt Mekelle und schätzungsweise sechs bis sieben Millionen Einwohnern. Von hier stammt die Befreiungsfront TPLF, die von 1991 bis 2018 die Politik des ganzen Landes bestimmte. Als 2018 Abiy Ahmed Ministerpräsident wurde, verlor sie diese Rolle. Aus dem politischen Streit zwischen der Bundesregierung in Addis Abeba und der TPLF-geführten Regionalregierung in Mekelle wurde 2020 ein Krieg, der zwei Jahre dauerte und 2026 wieder aufflammte.

Momentaufnahme vom 3. November 2026

Die Lage in Tigray verändert sich laufend. Waffenruhen, Zuständigkeiten der Übergangsverwaltung und Opferzahlen können sich innerhalb weniger Wochen verschieben. Diese Seite beschreibt den Stand zum genannten Datum und wird regelmäßig überprüft. Für Reiseentscheidungen gelten allein die aktuellen Hinweise des Auswärtigen Amts.

Wie es zum Krieg kam

Die Spannungen wuchsen ab 2018. Abiy entließ Funktionäre aus Tigray aus Armee und Sicherheitsdiensten, und Prozesse wegen Korruption und Menschenrechtsverletzungen trafen viele frühere Machthaber. 2019 löste Abiy das Regierungsbündnis EPRDF auf und gründete die Wohlstandspartei. Die TPLF lehnte den Beitritt ab und zog sich nach Mekelle zurück. Wie dieses Bündnis zuvor regiert hatte, beschreibt die Seite EPRDF und ethnischer Föderalismus.

Wegen der Corona-Pandemie verschob die Bundesregierung 2020 die landesweite Wahl. Als Tigray im September 2020 trotz Verbots eine eigene Wahl abhielt war der Bruch offen. Addis Abeba erklärte die Wahl für ungültig und strich Gelder für die Region, die regionalregierung in Mekelle erkannte die Bundesregierung nicht mehr an. In der Nacht zum 4. November 2020 griffen Kräfte aus Tigray Stützpunkte der Bundesarmee in der Region an. Die Regierung antwortete mit einer Militäroffensive, die sie als Polizeieinsatz bezeichnete.

Der Krieg von 2020 bis 2022

Auf der Seite der Bundesregierung kämpften die Armee, Spezialkräfte und Milizen aus Amhara und Truppen aus Eritrea. Die Regierung bestritt die Anwesenheit eritreischer Soldaten zunächst und räumte sie erst im März 2021 ein. Ende November 2020 nahm die Armee Mekelle ein, und die Regierung erklärte den Krieg für beendet. Doch die Kämpfe gingen weiter. Im Juni 2021, nachdem die Regierung eine einseitige Waffenruhe erklärt und ihre Truppen abgezogen hatte, übernahmen die Tigray-Kräfte wieder Mekelle und stießen danach weit nach Amhara und Afar vor. Im November 2021 standen sie rund 200 Straßenkilometer vor Addis Abeba, die Regierung rief den Ausnahmezustand aus. Mit Drohnen und einer Gegenoffensive drängte die Armee sie bis Ende 2021 nach Tigray zurück. Nach einer Feuerpause flammten die Kämpfe im August 2022 erneut auf.

Was der Krieg für die Menschen bedeutete

Wer in Tigray lebte war fast zwei Jahre lang von der Welt abgeschnitten. Telefon, Internet, Banken und Strom waren über lange Zeit unterbrochen. Lebensmittel, Medikamente und Treibstoff kamen kaum in die Region, Hilfslieferungen wurden behindert. Vertreter der Vereinten Nationen beschrieben die Lage als eine blockade, die Regierung wies das zurück. Hunderttausende litten Hunger, Krankenhäuser arbeiteten ohne Medikamente.

Alle Kriegsparteien wurden schwerer Verbrechen beschuldigt. Untersuchungen der Vereinten Nationen, von Human Rights Watch und Amnesty International dokumentierten Massaker an Zivilisten, etwa in Axum und Mai Kadra, sexuelle Gewalt in großem Ausmaß, Plünderungen und die Zerstörung von Krankenhäusern und Schulen. Im Westen Tigrays wurden nach diesen Berichten Hunderttausende Menschen aus Tigray von Kräften aus Amhara vertrieben. Auch Truppen aus Tigray wurden Verbrechen in Amhara und Afar vorgeworfen.

Wie viele Menschen in diesem Krieg starben weiß niemand genau. Schätzungen von Forschenden und Vermittlern reichen von mehreren Hunderttausend bis zu rund 600.000 Toten, durch Kämpfe, Hunger und fehlende medizinische Versorgung. Mehr als zwei Millionen Menschen wurden vertrieben.

Das Abkommen von Pretoria

Am 2. November 2022 unterzeichneten die Bundesregierung und die TPLF unter Vermittlung der Afrikanischen Union in Pretoria ein Abkommen über die Einstellung der Feindseligkeiten. Was in Pretoria vereinbart wurde war ein Neuanfang auf dem Papier: Die Tigray-Kräfte sollten ihre schweren Waffen abgeben, die Bundesregierung die Versorgung wiederherstellen, ausländische und nicht staatliche Truppen sollten abziehen. Eine Übergangsverwaltung sollte Tigray bis zu Neuwahlen führen.

Vieles davon wurde umgesetzt. Telefon, Banken und Flüge kehrten zurück, die Kämpfe hörten auf. Andere Punkte blieben offen. Eritreische Truppen blieben in Grenzgebieten, Kräfte aus Amhara im westen Tigrays, und viele Vertriebene konnten nicht zurück. 2023 wurde die übergangsverwaltung unter Getachew Reda eingesetzt. Innerhalb der TPLF wuchs der Streit zwischen seinem Lager und dem des langjährigen Vorsitzenden Debretsion Gebremichael. 2025 musste Getachew gehen, Nachfolger an der Spitze der Übergangsverwaltung wurde Tadesse Werede. Im Mai 2026 setzte die TPLF eigenmächtig das Regionalparlament aus der Zeit vor dem Krieg wieder ein, das Debretsion zum Präsidenten wählte. Die Bundesregierung erkannte das nicht an, und Tigray hatte bis Oktober 2026 faktisch zwei konkurrierende Verwaltungen.

Die neuen Kämpfe seit September 2026

Im Spätsommer 2026 spitzte sich die Lage zu. Am 20. September verkündeten die TPLF, Fano-Milizen aus Amhara, die Oromo Liberation Army und weitere Gruppen ein neues bündnis mit dem Ziel, die Bundesregierung zu stürzen. Wenige Tage später begannen schwere Kämpfe in Tigray, Afar und Amhara. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, angegriffen zu haben. Kräfte aus Tigray besetzten die Flughäfen von Mekelle, Axum und Shire, die Flüge dorthin wurden eingestellt. Nachdem die Bundesarmee Mekelle wieder kontrollierte, nahm Ethiopian Airlines Mitte Oktober die Flüge nach Mekelle nach Berichten wieder auf.

Anfang Oktober 2026 zogen sich die TPLF-Kräfte nach Berichten ohne Häuserkampf aus Mekelle zurück, Bundestruppen und mit ihnen verbündete Kämpfer aus Tigray rückten ein. Mitte Oktober kündigte die Regierung eine neue Übergangsverwaltung für Tigray an. Gleichzeitig verschlechterte sich das Verhältnis zu Eritrea dramatisch: Am 1. Oktober schloss Äthiopien seine Botschaft in Asmara, Eritrea brach die diplomatischen Beziehungen ab. Äthiopien wirft Eritrea vor, Truppen nach Tigray geschickt und die Rebellen zu unterstützen, Eritrea bestreitet das. Nach Angaben des Auswärtigen Amts gibt es im Norden Tigrays nahe der eritreischen Grenze weiterhin schwere Kämpfe, auch mit Drohnen, und Telefon und Internet sind in Teilen unterbrochen. Hintergründe zu den beiden Nachbarn erklärt die Seite Eritrea-Krieg 1998 bis 2000.

Einordnung

Der Konflikt hat viele Schichten: den Streit um Macht im Bundesstaat, um die Verfassung und das Verhältnis der Regionen zur Zentrale, um umstrittenes Land wie den Westen Tigrays und Raya, um die Rolle Eritreas und um die Erinnerung an frühere Kriege. Einfache Erzählungen von Gut und Böse werden ihm nicht gerecht. Fast alle Beteiligten werfen den anderen Verbrechen vor, und viele Vorwürfe sind gut belegt. Ob es zu einem neuen Frieden kommt hängt davon ab, ob die Parteien an den Verhandlungstisch zurückkehren und ob Nachbarn und internationale Partner darauf drängen. Einen Überblick über alle bewaffneten Gruppen gibt die Seite Bewaffnete Gruppen in Äthiopien, die Reiselage beschreibt die Seite Sicherheit und Reisehinweise.

Häufige Fragen

Wann begann der Tigray-Krieg?

Am 4. November 2020 nach einem Angriff von Tigray-Kräften auf Stützpunkte der Bundesarmee. Das Abkommen von Pretoria beendete die Kämpfe am 2. November 2022. Seit September 2026 wird wieder gekämpft.

Welche Rolle spielt Eritrea?

Eritreische Truppen kämpften 2020 bis 2022 auf der Seite der Bundesregierung. Seit 2023 haben sich die Beziehungen verschlechtert, im Oktober 2026 kam es zum Bruch der diplomatischen Beziehungen. Äthiopien wirft Eritrea vor, die Rebellen zu unterstützen, Eritrea weist das zurück.

Kann man nach Tigray reisen?

Nein. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Tigray. Flugverbindungen waren seit September 2026 zeitweise eingestellt und sind unsicher.

Quellen

  • Abkommen über die dauerhafte Einstellung der Feindseligkeiten zwischen der Regierung Äthiopiens und der TPLF, Pretoria, 2. November 2022, Afrikanische Union
  • Human Rights Watch und Amnesty International: We Will Erase You from This Land. Crimes Against Humanity and Ethnic Cleansing in Ethiopia's Western Tigray Zone, April 2022
  • UN-Menschenrechtsrat: Berichte der Internationalen Kommission von Menschenrechtsexperten zu Äthiopien, 2022 und 2023
  • International Crisis Group: Berichte zu Äthiopien und Eritrea, 2020 bis 2026
  • UN News: Erklärungen des UN-Generalsekretärs zu den Kämpfen im Norden Äthiopiens, Oktober 2026
  • Auswärtiges Amt: Äthiopien, Reise- und Sicherheitshinweise, Stand 2. November 2026

Stand der Angaben: 3. November 2026