Zwei Länder, eine Geschichte
Eritrea und Äthiopien sind eng miteinander verbunden. Das Hochland von Eritrea und Tigray im Norden Äthiopiens teilen Sprache, Religion und Geschichte, Tigrinya wird auf beiden Seiten gesprochen. Italien machte Eritrea 1890 zu seiner Kolonie, und damit wurde eine Grenze gezogen, wo vorher keine war. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Eritrea 1952 mit Äthiopien föderiert und 1962 von Kaiser Haile Selassie eingegliedert. Schon 1961, als die Föderation immer weiter ausgehöhlt wurde, begann der bewaffnete Kampf für die Unabhängigkeit, der dreißig Jahre dauerte. Mehr über den Kaiser steht auf der Seite Haile Selassie.
Im Kampf gegen die Militärregierung des Derg arbeiteten die eritreische Befreiungsfront EPLF und die TPLF aus Tigray zusammen. 1991 siegten sie gemeinsam. Eritrea wurde 1993 nach einem Referendum unabhängig, und die neuen Regierungen in Asmara und Addis Abeba galten zunächst als befreundet. Ihre Führer, Isaias Afwerki und Meles Zenawi, kannten sich aus dem gemeinsamen Kampf.
Warum es zum Krieg kam
Hinter der Freundschaft standen ungelöste Fragen. Wer auf die Karte schaut sieht eine lange Grenze, deren genauer Verlauf nie sauber festgelegt worden war. Die Verträge aus der Kolonialzeit ließen Spielraum, und in mehreren Gebieten beanspruchten beide Seiten Land. Dazu kamen wirtschaftliche Spannungen. 1997 führte Eritrea mit dem Nakfa eine eigene währung ein, statt weiter den äthiopischen Birr zu nutzen. Äthiopien verlangte daraufhin, den Handel in harter Währung abzuwickeln, was den Austausch stark erschwerte. Auch die Nutzung der eritreischen Häfen Assab und Massawa durch das Binnenland Äthiopien wurde zum Streitpunkt.
Zum Symbol des Konflikts wurde Badme, ein grenzdorf im Westen, das von Äthiopien verwaltet, aber von Eritrea beansprucht wurde. Als im Mai 1998 eritreische Truppen Badme besetzten eskalierte der Streit zu einem offenen Krieg.
Der Krieg
Der Eritrea-Äthiopien-Krieg wurde mit großer Härte geführt. Beide Armeen bestanden zu großen Teilen aus erfahrenen Kämpfern der Befreiungskriege. Entlang der Grenze entstanden lange schützengräben, und in mehreren Offensiven stürmten Zehntausende Soldaten gegen befestigte Stellungen. Beobachter verglichen die Kämpfe mit dem Ersten Weltkrieg. Es gab auch Luftangriffe auf Asmara und Mekelle. In Mekelle traf im Juni 1998 eine eritreische Bombe eine Grundschule, dutzende Menschen starben, darunter viele Kinder.
Im Februar 1999 eroberte Äthiopien Badme zurück. Im Mai 2000 startete die äthiopische Armee eine große Offensive, durchbrach die eritreischen Linien und rückte weit nach Eritrea vor. Im Juni 2000 vereinbarten beide Seiten einen Waffenstillstand. Wie viele Menschen in diesem Krieg starben, ist nicht genau bekannt. Die meisten Schätzungen liegen zwischen 70.000 und 100.000 Toten, dazu kamen Hunderttausende Vertriebene.
Vertreibungen
Der Krieg traf auch Menschen, die nicht kämpften. Äthiopien wies nach Schätzungen von Human Rights Watch rund 75.000 Menschen eritreischer Herkunft aus, viele davon äthiopische Staatsangehörige, die seit Jahrzehnten im Land lebten. Familien wurden getrennt, Besitz wurde beschlagnahmt. Auch Eritrea wies rund 70.000 Äthiopier aus oder drängte sie zur Ausreise. Für viele Familien mit Wurzeln auf beiden Seiten war das ein tiefer Bruch.
Das Abkommen von Algier
Am 12. Dezember 2000 unterzeichneten beide Regierungen in Algier ein Friedensabkommen. Eine Friedenstruppe der Vereinten Nationen überwachte eine Pufferzone entlang der Grenze. Eine unabhängige Grenzkommission sollte den Verlauf der Grenze verbindlich festlegen, eine weitere Kommission über Schadensersatzforderungen entscheiden.
Was die Grenzkommission 2002 entschied sollte für beide Seiten bindend sein. Sie legte den Grenzverlauf anhand der Kolonialverträge fest und sprach Badme Eritrea zu. Äthiopien lehnte es ab, die Entscheidung in dieser Form umzusetzen. Die Schadensersatzkommission kam 2005 zu dem Schluss, dass Eritrea mit dem Angriff im Mai 1998 gegen das Völkerrecht verstoßen hatte, sah aber auf beiden Seiten Verstöße gegen das Kriegsrecht.
Zwanzig Jahre weder Krieg noch Frieden
Weil keine Seite nachgab standen sich die Armeen fast zwanzig Jahre lang an der Grenze gegenüber. Niemand durfte die grenze passieren, Telefonverbindungen gab es nicht, Familien konnten sich nicht besuchen. Die UN-Mission zog 2008 ab, nachdem Eritrea ihre Arbeit stark eingeschränkt hatte. In Eritrea diente der Konflikt als Begründung für einen unbefristeten Nationaldienst, vor dem viele junge Menschen ins Ausland flohen. Beide Länder unterstützten zudem bewaffnete Gruppen auf der jeweils anderen Seite.
Der Frieden von 2018
Im April 2018 wurde Abiy Ahmed Ministerpräsident Äthiopiens. Im Juni erklärte er, sein Land werde die Entscheidung der Grenzkommission vollständig akzeptieren. Im Juli 2018 reiste er nach Asmara, und die Bilder gingen um die Welt: die umarmung zwischen Abiy und Isaias, Menschen, die auf den Straßen tanzten. Beide unterzeichneten eine Erklärung, die den Kriegszustand für beendet erklärte. Flugverbindungen und Telefonleitungen wurden wieder aufgenommen, und im September 2018 öffneten die Grenzübergänge. Familien sahen sich nach zwanzig Jahren wieder. 2019 erhielt Abiy für die Versöhnung den Friedensnobelpreis.
Wie dauerhaft der Frieden ist zeigte sich schnell. Die Grenzübergänge wurden nach einigen Monaten wieder geschlossen, ein förmliches Abkommen über Handel und Grenze folgte nicht. Eine förmliche Übergabe von Badme nach dem Spruch der Grenzkommission fand nicht statt. Im Krieg in Tigray ab 2020 kämpften eritreische Truppen an der Seite der äthiopischen Armee, und seit dem Abkommen von Pretoria 2022 haben sich die Beziehungen zwischen Asmara und Addis Abeba wieder deutlich verschlechtert. Wie Eritrea heute regiert wird, beschreibt die Seite Eritrea und Äthiopien. Einen Überblick über die Geschichte gibt die Seite Geschichte Äthiopiens, die Zeit von 1991 bis 2018 beschreibt die Seite EPRDF und ethnischer Föderalismus.
Häufige Fragen
Worum ging es im Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien?
Anlass war der Streit um das Grenzgebiet bei Badme. Dahinter standen ungeklärte Grenzen, ein Streit um Währung und Handel und politische Rivalitäten zwischen den Führungen beider Länder.
Wem gehört Badme?
Die Grenzkommission sprach Badme 2002 Eritrea zu. Äthiopien akzeptierte das 2018 grundsätzlich, eine förmliche Übergabe gab es aber nicht.
Wann wurde Frieden geschlossen?
Ein erstes Friedensabkommen gab es im Dezember 2000 in Algier. Den Kriegszustand beendeten beide Länder aber erst im Juli 2018 mit einer gemeinsamen Erklärung in Asmara.
Quellen
- Eritrea-Ethiopia Boundary Commission: Decision Regarding Delimitation of the Border, 13. April 2002, Permanent Court of Arbitration
- Eritrea-Ethiopia Claims Commission: Partial Award, Jus ad Bellum, 2005, Permanent Court of Arbitration
- Abkommen von Algier zwischen Äthiopien und Eritrea, 12. Dezember 2000, Vereinte Nationen
- Human Rights Watch: Bericht über Ausweisungen und Staatsangehörigkeit im Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea, 2003
- Christopher Clapham: The Horn of Africa. State Formation and Decay, London 2017
Stand der Angaben: 3. November 2026



