Familie heißt Großfamilie
Wer in Äthiopien von Familie spricht meint nicht nur Eltern und Kinder. Dazu gehören Großeltern, Onkel, Tanten, Cousinen und oft auch Paten und enge Freunde der Familie. Viele Menschen wachsen zeitweise bei Verwandten auf, etwa wenn sie in der Stadt zur Schule gehen oder die Eltern weit weg arbeiten. Geld, Essen und Wohnraum werden geteilt, und wer es zu etwas gebracht hat, unterstützt die anderen. Gerade Familien in der Diaspora schicken regelmäßig Geld an Angehörige im Land.
Bestimmte Werte gelten fast überall. Respekt vor Älteren ist der wichtigste davon. Wenn ein älterer Mensch den Raum betritt stehen Jüngere auf, und beim Essen bekommen die Älteren zuerst. Bei der Begrüßung verneigen sich Jüngere vor Älteren leicht, manche küssen ihnen die Hand oder das Knie. Unter Gleichaltrigen, vor allem unter Männern, berührt man sich zur Begrüßung mit der Schulter. Wie Begrüßungen und Höflichkeit funktionieren, beschreibt die Seite Gastfreundschaft und Etikette.
Geburt, Taufe und Namen
Nach der Geburt soll sich die Mutter traditionell mehrere Wochen ausruhen. Verwandte und Nachbarinnen kochen für sie, oft Genfo, einen kräftigen Brei mit Butter, und kümmern sich um den Haushalt. In dieser Zeit bleibt die wöchnerin möglichst im Haus. In orthodoxen Familien wird ein Junge nach 40 Tagen getauft, ein Mädchen nach 80 Tagen. Mit der Taufe erhält das Kind auch einen Taufnamen, der oft nur in der Kirche verwendet wird.
Im Alltag trägt das Kind seinen eigenen Vornamen, gefolgt vom Vornamen des Vaters und oft dem des Großvaters. Einen Familiennamen im europäischen Sinn gibt es meist nicht. Viele Namen haben eine Bedeutung, etwa Hoffnung, Geschenk Gottes oder ein Wunsch der Eltern. Mehr dazu auf der Seite Äthiopische Namen.
Kindheit
Kindheit in Äthiopien heißt vor allem: Man ist nie allein. Äthiopien ist ein junges Land. Das Durchschnittsalter liegt nach Schätzungen der Vereinten Nationen bei etwa 19 Jahren, fast die Hälfte der Menschen ist jünger als 18. Familien haben im Schnitt deutlich mehr Kinder als in Europa, auch wenn die Zahl sinkt: Nach Erhebungen bekam eine Frau 2016 im Schnitt 4,6 Kinder, 2019 rund 4,1, in den Städten deutlich weniger als auf dem Land.
Kinder übernehmen früh Aufgaben. Auf dem Land hüten sie Ziegen und Rinder, holen Wasser und passen auf die jüngeren geschwister auf. In der Stadt helfen sie im Geschäft der Eltern oder verkaufen Kleinigkeiten auf der Straße. Gespielt wird trotzdem viel, oft mit selbst gemachten Bällen, mit Steinen oder bei Spielen im Hof. Fußball ist überall beliebt. Für viele Familien ist die Schule der wichtigste Weg zu einem besseren Leben, wie die Seite Bildung in Äthiopien beschreibt.
Viele Kinder arbeiten allerdings mehr, als gut für sie ist. Kinderarbeit ist vor allem auf dem Land und im informellen Handel verbreitet. Auch Kinder, die ihre Eltern durch Krankheit, Krieg oder Hunger verloren haben, wachsen meist bei Verwandten auf. Als 2018 Auslandsadoptionen verboten wurden endete eine Zeit, in der Äthiopien zu den wichtigsten Herkunftsländern für Adoptionen nach Europa und Nordamerika gehörte. Die Regierung begründete das mit dem Schutz der Kinder und setzt seitdem auf Pflege in Familien im eigenen Land.
Nachbarschaft und Gemeinschaft
Neben der Familie halten Gemeinschaften das Leben zusammen. In einem Idir zahlen Nachbarn regelmäßig in eine gemeinsame Kasse ein, aus der Beerdigungen und Notfälle bezahlt werden. In einem Iqub sparen Freunde oder Kollegen gemeinsam, und reihum bekommt jedes Mitglied die gesamte Summe ausgezahlt. Ein Mahber ist eine kirchliche Gemeinschaft, die sich zu Ehren eines Heiligen trifft. Mehr dazu im Glossar unter Mahber. Wer neu in eine Nachbarschaft zieht, wird schnell auf eine tasse Kaffee eingeladen, und so entstehen Beziehungen, die oft ein Leben lang halten.
Trauer und Beerdigung
Wer einen Todesfall in der Familie hat wird nicht allein gelassen. Die Beerdigung findet meist sehr schnell statt, oft noch am selben Tag. Danach kommen Verwandte, Nachbarn und Freunde für mehrere Tage zum Trauerbesuch, dem Lekso. Vor dem Haus wird ein zelt aufgebaut, Stühle werden aufgestellt, und die Trauernden sitzen zusammen, essen und erzählen. Wer nicht kommt, muss das später erklären. Der Idir übernimmt dabei oft Kosten und Organisation.
Alt werden
Für alte Menschen ist die Familie die wichtigste Absicherung. Renten gibt es nur für Menschen, die beim Staat oder in großen Unternehmen gearbeitet haben. Meist leben die großeltern deshalb bei einem ihrer Kinder, helfen bei der Betreuung der Enkel und werden um Rat gefragt. Ins Altersheim zu gehen gilt vielen als Schande für die Familie.
Was sich verändert
Der Wandel ist spürbar. Was früher selbstverständlich war ändert sich vor allem in den Städten. Junge Paare heiraten später, bekommen weniger Kinder und leben öfter allein als Kleinfamilie. Frauen arbeiten außer Haus, und manche Entscheidungen, die früher die Familie traf, treffen junge Menschen heute selbst, etwa bei der Wahl des Partners. Wie eine Hochzeit heute gefeiert wird, beschreibt die Seite Hochzeit in Äthiopien. Krieg, Vertreibung und Auswanderung reißen viele Familien auseinander. Trotzdem bleibt die Familie für die meisten der wichtigste Halt, auch über Grenzen hinweg. Mehr über das Leben von Frauen steht auf der Seite Frauen in Äthiopien.
Häufige Fragen
Wie viele Kinder haben Familien in Äthiopien?
Nach der Erhebung von 2019 bekam eine Frau im Schnitt rund vier Kinder, in Städten deutlich weniger, auf dem Land mehr. Die Zahl sinkt seit Jahren.
Wann werden Kinder in Äthiopien getauft?
In der äthiopisch-orthodoxen Kirche Jungen nach 40 und Mädchen nach 80 Tagen.
Was ist ein Lekso?
Die Trauerzeit nach einem Todesfall, in der Verwandte, Nachbarn und Freunde die Familie mehrere Tage lang besuchen und ihr beistehen.
Quellen
- Ethiopian Public Health Institute und ICF: Ethiopia Demographic and Health Survey 2016 und Mini DHS 2019
- UN DESA: World Population Prospects 2024
- Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Family, Ǝddər und Baptism
- UNICEF Ethiopia: Child Protection
Stand der Angaben: 3. November 2026



