Von der Kirchenschule zur Massenbildung

Über Jahrhunderte lag Bildung in Äthiopien in den Händen der Kirche und der islamischen Gelehrten. Was in den Kirchenschulen gelehrt wurde war vor allem das Lesen von Ge'ez, die Psalmen, Kirchengesang und Dichtung. Die besten Schüler lernten über viele Jahre eine eigene Form der Dichtkunst, Qene. In muslimischen Gebieten lernten Kinder in Koranschulen Arabisch und den Koran. Wie die alte Schrift funktioniert, erklärt die Seite Fidel lesen.

Die erste moderne staatliche Schule eröffnete 1908 in Addis Abeba. Unter Kaiser Haile Selassie entstanden weitere Schulen, 1950 die erste Hochschule, aus der später die Universität Addis Abeba wurde. Doch bis in die 1990er Jahre ging nur ein kleiner Teil der Kinder zur Schule, vor allem auf dem Land und vor allem Mädchen nicht. Ab Mitte der 1990er Jahre baute die Regierung das Schulsystem massiv aus. Heute besuchen viele Millionen Kinder die grundschule.

Wie das Schulsystem aufgebaut ist

Seit einer Bildungsreform von 2023 gliedert sich die Schule in drei Stufen: sechs Jahre Grundschule, zwei Jahre Mittelstufe und vier Jahre Oberstufe, insgesamt zwölf Klassen. Davor gibt es Vorschulklassen, die aber längst nicht überall angeboten werden. Am Ende der zwölften Klasse steht eine landesweite Abschlussprüfung, deren Ergebnis über den Zugang zur Universität entscheidet.

Wer in Äthiopien zur Schule geht lernt in den ersten Jahren meist in der eigenen Muttersprache, etwa in Afaan Oromo, Amharisch, Tigrinya oder Somali. Amharisch wird in vielen Regionen als zweite Sprache unterrichtet, Englisch ab der Grundschule. In der Oberstufe und an den Universitäten ist Englisch die Unterrichtssprache, was vielen Schülern Schwierigkeiten bereitet. Mehr dazu auf der Seite Sprachen in Äthiopien.

Schulalltag

Viele Klassen sind sehr groß, auf dem Land sitzen oft 60 oder mehr Kinder in einem Raum. Bücher und Hefte sind knapp, und im klassenzimmer fehlen manchmal Strom und Tische. Damit mehr Kinder unterrichtet werden können, arbeiten viele Schulen in zwei Schichten, eine Gruppe vormittags, die andere nachmittags. Fast überall tragen die Kinder eine schuluniform, deren Farbe von Schule zu Schule unterschiedlich ist. Für arme Familien sind Uniform, Hefte und Stifte eine spürbare Ausgabe, auch wenn die staatliche Schule kein Schulgeld kostet.

Kinder laufen nach Schulschluss eine Dorfstraße entlang
Nach Schulschluss in Ale im Süden des Landes.

Auf dem Land helfen Kinder oft in der Landwirtschaft mit, hüten Tiere oder holen Wasser. In der Erntezeit bleiben deshalb viele dem Unterricht fern. Mädchen verlassen die Schule häufiger früh, etwa wegen Hausarbeit, langer Schulwege oder früher Heirat. Mehr dazu auf der Seite Frauen in Äthiopien.

Die Krise der Abschlussprüfung

Lange galt die Abschlussprüfung als anfällig für Betrug. Prüfungsfragen tauchten vorab in sozialen Medien auf, und in manchen Schulen halfen Lehrkräfte beim Schummeln. Als die Regierung 2022 die Prüfungen an die Universitäten verlegte bestanden plötzlich nur noch 3,3 Prozent der fast 900.000 Teilnehmenden. Auch in den Folgejahren blieb die Quote sehr niedrig. Die Prüfung legte offen, wie viele Schülerinnen und Schüler nach zwölf Jahren Schule die Grundlagen nicht beherrschten.

Seitdem steigen die Ergebnisse langsam. 2025 bestanden 8,4 Prozent, 2026 nach Angaben des Bildungsministeriums 12,8 Prozent von rund 550.000 Teilnehmenden. Wer die prüfung am Computer ablegte, schnitt deutlich besser ab als wer auf Papier schrieb. Wer nicht besteht, kann über Vorbereitungskurse an Hochschulen einen zweiten Weg zum Studium versuchen.

Warum die Qualität leidet

Weil Lehrkräfte schlecht bezahlt werden wechseln viele in andere Berufe oder gehen ins Ausland. Viele Lehrerinnen und Lehrer sind selbst nur kurz ausgebildet worden. Schnell wachsende Schülerzahlen, fehlende Bücher und große Klassen kommen hinzu. Fachleute sprechen von einer Lernkrise: Viele Kinder gehen zur Schule, lernen dort aber zu wenig. Erhebungen zeigten, dass ein großer Teil der Kinder in den ersten Klassen keinen einfachen Text lesen konnte.

Dazu kommen die Kriege. In Tigray waren die Schulen während des Kriegs von 2020 bis 2022 fast zwei Jahre geschlossen, in Amhara blieben sie wegen der Kämpfe seit 2023 über lange Zeit zu. Millionen Kinder verloren dadurch Schuljahre, viele kehrten nie zurück. Hintergründe dazu stehen auf der Seite Konflikt in Amhara.

Universitäten

In den 2000er und 2010er Jahren gründete die Regierung in fast jeder größeren Stadt eine Universität. Heute gibt es rund fünfzig staatliche Universitäten und viele private Hochschulen. Lange galt ein studium als sicherer Weg zu einer Stelle beim Staat. Inzwischen finden viele Absolventen keine passende Arbeit. Die Regierung hat deshalb begonnen, Hochschulen stärker zu spezialisieren und einigen mehr Selbstständigkeit zu geben. Die Universität Addis Abeba erhielt als erste weitgehende Selbstständigkeit in Verwaltung und Finanzen.

Lesen und Schreiben

Trotz aller Fortschritte kann ein großer Teil der Erwachsenen nicht oder kaum lesen und schreiben, vor allem ältere Menschen und Frauen auf dem Land. Bei jungen Menschen ist die Quote deutlich höher als bei ihren Eltern. Ob die Reformen wirken zeigt sich erst in einigen Jahren, wenn die Kinder, die heute in die ersten Klassen gehen, die Prüfung am Ende der zwölften Klasse ablegen. Mehr zur Lage der Familien steht auf der Seite Armut in Äthiopien.

Häufige Fragen

Wie lange geht man in Äthiopien zur Schule?

Zwölf Jahre bis zur Abschlussprüfung: sechs Jahre Grundschule, zwei Jahre Mittelstufe, vier Jahre Oberstufe. Davor gibt es, wo vorhanden, Vorschulklassen.

Warum bestehen so wenige die Abschlussprüfung?

Seit 2022 werden die Prüfungen streng überwacht an Universitäten geschrieben. Damit wurde sichtbar, wie viele Schüler die Grundlagen nicht beherrschen. Gründe sind große Klassen, schlecht ausgebildete und bezahlte Lehrkräfte und Unterrichtsausfälle durch Kriege.

In welcher Sprache wird unterrichtet?

In den ersten Jahren meist in der Muttersprache der Region, später und an Universitäten auf Englisch.

Quellen

  • Ministry of Education Ethiopia: Education and Training Policy 2023 und Education Sector Development Programme
  • UNESCO Institute for Statistics: Ethiopia, Bildungsindikatoren
  • UNICEF Ethiopia: Education
  • Weltbank: Ethiopia General Education Quality Improvement Program
  • Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Education und Qəne

Stand der Angaben: 3. November 2026