Wie Armut gemessen wird
Wer von Armut in Äthiopien spricht meint meist eine von zwei Zahlen. Die Regierung misst Armut mit einer nationalen Armutsgrenze, die sich an den Kosten für Nahrung und das Nötigste im Land orientiert. Die Weltbank nutzt für internationale Vergleiche eine Grenze von 3 US-Dollar pro Person und Tag, umgerechnet in die Kaufkraft vor Ort. Beide Zahlen messen, was ein Haushalt verbraucht, nicht was er besitzt. Dazu kommen Messungen, die auch Bildung, Gesundheit, Wasser, Strom und Wohnverhältnisse erfassen.
Wie viele Menschen arm sind
Nach der letzten großen Haushaltserhebung des Statistikamts lebten 2015/16 rund 23,5 Prozent der Menschen unter der nationalen Armutsgrenze, im Jahr 2000 waren es noch 44 Prozent. Für diese Zeit galt Äthiopien als eines der erfolgreichsten Länder Afrikas bei der Armutsbekämpfung. Die Wirtschaft wuchs schnell, und der Staat investierte stark in Straßen, Schulen und Gesundheitsposten.
Seitdem hat sich der Trend umgekehrt. Nach Berechnungen der Weltbank lebten 2016 rund 33 Prozent der Menschen unter der internationalen Grenze von 3 Dollar am Tag, 2021 rund 39 Prozent. Für 2025 rechnete die Weltbank mit 43 Prozent. Bei rund 135 Millionen Einwohnern sind das mehr als 55 Millionen Menschen. Im Index für menschliche Entwicklung der Vereinten Nationen, der auch Bildung und Lebenserwartung berücksichtigt, gehört Äthiopien zu den Ländern mit niedriger Entwicklung.
Armut auf dem Land
Die meisten armen Menschen leben auf dem Land. Weil die meisten Familien vom Ackerbau leben hängt ihr Wohlergehen direkt vom Regen ab. Viele bewirtschaften weniger als ein hektar Land, oft verteilt auf mehrere kleine Felder. Land gehört in Äthiopien dem Staat, Bauern haben ein Nutzungsrecht und dürfen es nicht verkaufen. Seit einem Gesetz von 2024 können sie es immerhin als Sicherheit für einen Kredit einsetzen. Mit jeder Generation wird das Land unter mehr Kindern aufgeteilt, und die Felder werden kleiner.
Was ein Haushalt verdient reicht in vielen Fällen nur bis zur nächsten Ernte. Fällt sie schlecht aus, verkaufen Familien Vieh, um Getreide zu kaufen. Für viele ist eine kuh die wichtigste Rücklage, und wer sie in einer Dürre verliert, verliert seine Sicherheit. In Hirtengebieten im Süden und Osten verendeten zwischen 2020 und 2023 Millionen Tiere. Mehr dazu auf der Seite Dürre und Klimawandel.
Armut in der Stadt
In den Städten sieht Armut anders aus. Viele junge Menschen ziehen vom Land nach Addis Abeba oder in regionale Zentren, finden aber keine feste Arbeit. Sie verdienen ihr Geld als Tagelöhner auf Baustellen, als Schuhputzer, Straßenhändler oder Hausangestellte. Selbst wer eine arbeit in einer Fabrik oder im Büro hat, kommt mit dem Lohn oft kaum über den Monat, weil Mieten und Lebensmittel teuer sind.
Als die Preise 2022 und 2023 stark stiegen traf das vor allem städtische Haushalte, die alles kaufen müssen. Die Inflation lag zeitweise bei über 30 Prozent, bei Lebensmitteln noch höher. Im Juli 2024 gab die Regierung den Wechselkurs des Birr frei, um Kredite des Internationalen Währungsfonds zu erhalten und die Wirtschaft zu öffnen. Der Birr verlor innerhalb kurzer Zeit mehr als die Hälfte seines Werts gegenüber dem Dollar, Treibstoff, Dünger und Medikamente wurden teurer. Wie sich die Wirtschaft insgesamt entwickelt, beschreibt die Seite Wirtschaft Äthiopiens.
Warum die Armut wieder steigt
Die Weltbank nennt vor allem vier Gründe: die Kriege und bewaffneten Konflikte seit 2020, wiederkehrende Dürren und andere Wetterextreme, ein langsameres Wirtschaftswachstum und stark gestiegene Preise. Dazu kommen Probleme, die schon länger bestehen. Die Bevölkerung wächst schnell, jedes Jahr kommen Millionen junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. Es entstehen aber nicht genug Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft. Mehr über die Folgen für die Versorgung steht auf der Seite Humanitäre Lage in Äthiopien.
Was sich verbessert hat
Trotz allem gab es in den letzten Jahrzehnten echte Fortschritte. Die Kindersterblichkeit ist seit 2000 stark gesunken, weil Impfungen, Moskitonetze und einfache Behandlungen in Gesundheitsposten auf dem Land angeboten werden, wie die Seite Gesundheitssystem in Äthiopien beschreibt. Viel mehr Kinder gehen zur Schule als früher, vor allem Mädchen, wie die Seite Bildung in Äthiopien beschreibt. Immer mehr Haushalte haben Strom, ein Mobiltelefon und Zugang zu sauberem Wasser. Ungleichheit ist im internationalen Vergleich eher gering, auch weil es wenig Großgrundbesitz gibt.
Ein staatliches Sicherheitsnetz unterstützt seit 2005 Millionen chronisch armer Haushalte mit Nahrung oder Geld, wenn sie dafür an öffentlichen Projekten mitarbeiten. Es hat dazu beigetragen, dass Dürren heute seltener zu Hungersnöten führen.
Hinter den Zahlen
Zahlen zeigen nicht alles. Armut in Äthiopien bedeutet für viele Familien, dass das Geld für Schuluniformen fehlt, dass die kinder früh mitarbeiten müssen oder dass ein Krankenhausbesuch die Ersparnisse eines Jahres kostet. Gleichzeitig halten Familie, Nachbarschaft und Spar- und Selbsthilfegruppen wie Iqub und Idir viele Menschen über Wasser. Wie diese Gemeinschaften funktionieren, beschreibt die Seite Menschen und Alltag. Und Armut ist nicht das ganze Bild eines Landes, das auch für seine Kultur, seine Küche und seine Geschichte bekannt ist.
Ob der Trend sich wieder umkehrt hängt vor allem davon ab, ob die Kriege enden, ob die Wirtschaftsreformen Arbeitsplätze schaffen und ob die Landwirtschaft widerstandsfähiger gegen Dürren wird. Auch in Zukunft wird das einkommen der meisten Familien eng mit dem Wetter verbunden bleiben.
Häufige Fragen
Wie arm ist Äthiopien?
Nach Schätzungen der Weltbank lebten 2025 rund 43 Prozent der Menschen von weniger als 3 US-Dollar am Tag, gemessen in Kaufkraft. Äthiopien gehört damit zu den ärmeren Ländern der Welt.
Nimmt die Armut ab oder zu?
Bis 2016 nahm sie deutlich ab. Seitdem steigt sie wieder, vor allem wegen Kriegen, Dürren und stark gestiegener Preise.
Wo ist die Armut am größten?
Auf dem Land und in Gebieten, die von Konflikten oder Dürren betroffen sind, etwa in Teilen des Nordens, des Südens und des Ostens.
Quellen
- Weltbank: Poverty and Equity Brief Ethiopia, Oktober 2025
- Weltbank: Ethiopia Poverty Assessment, Harnessing Continued Growth for Accelerated Poverty Reduction, 2020
- Ethiopian Statistics Service: Household Consumption and Expenditure Survey 2015/16
- UNDP: Human Development Report 2025
- Internationaler Währungsfonds: Ethiopia, Extended Credit Facility, Programmdokumente 2024 bis 2026
Stand der Angaben: 3. November 2026




