Ein Land, das vom Regen lebt

Die meisten Menschen in Äthiopien leben von der Landwirtschaft, und fast alle Felder werden nur vom Regen bewässert. Wer auf dem Land lebt schaut deshalb jedes Jahr gespannt auf den Himmel. Im Hochland fällt der meiste Regen in der großen Regenzeit von Juni bis September, dazu kommt in vielen Gebieten ein kleiner Regen im Frühjahr. Im Tiefland des Südens und Südostens regnet es in zwei kurzen Zeiten, im Frühjahr und im Herbst. Bleibt eine dieser Regenzeiten aus, vertrocknen die felder, und das Gras für die Herden wächst nicht nach. Dann drohen Hunger und Not. Wie die Jahreszeiten im Einzelnen ablaufen, beschreibt die Seite Regenzeit in Äthiopien.

Große Schwankungen hängen oft mit zwei Klimamustern im Pazifik zusammen, El Niño und La Niña. Ein starker El Niño bringt dem Hochland im Norden und Zentrum oft zu wenig Regen, La Niña führt eher im Süden und Südosten zu Trockenheit. Diese Zusammenhänge sind gut genug bekannt, dass Wetterdienste Monate vorher warnen können.

Die Dürre von 2015 und 2016

Als 2015 der Regen ausblieb brauchten innerhalb weniger Monate mehr als zehn Millionen Menschen Nahrungsmittelhilfe. Ein besonders starker El Niño hatte die Regenzeiten im Norden und in der Mitte des Landes fast ausfallen lassen. Es war eine der schwersten Dürren seit Jahrzehnten. Anders als 1984 kam es aber nicht zu einer großen Hungersnot. Die Regierung und internationale Geber reagierten früh, das staatliche Sicherheitsnetz wurde ausgeweitet, und Getreide wurde in großen Mengen importiert. Wie es 1984 war, erzählt die Seite Hungersnot 1984.

Fünf Regenzeiten ohne Regen

Zwischen Ende 2020 und Anfang 2023 fielen im Süden und Südosten Äthiopiens, in Kenia und Somalia fünf Regenzeiten hintereinander aus oder fielen sehr schwach aus. Fachleute sprachen von der schlimmsten Dürre am Horn von Afrika seit vierzig Jahren. Betroffen waren vor allem die Somali-Region und die Zone Borena in Oromia, wo viele Menschen als Viehhirten leben.

Weil Hirtenfamilien ganz von ihren Tieren leben trifft sie eine dürre besonders hart. Millionen Rinder, Ziegen, Schafe und Kamele verendeten. Wasserstellen trockneten aus, und der Weg zum nächsten Brunnen wurde für viele Familien täglich länger. Wenn auch der brunnen versiegte, mussten sie Wasser von Tankwagen kaufen, dessen Preis stark stieg. Viele Familien verloren ihre gesamte Herde und zogen in Lager am Rand von Städten. Für sie ist die Rückkehr zum alten Leben auch nach dem Ende der Dürre kaum möglich.

Zu viel Wasser

Auf Dürre folgt oft das Gegenteil. Ende 2023 überschwemmten heftige Regenfälle weite Teile der Somali-Region, die gerade erst die Dürre hinter sich hatte. Im Hochland lösen starke Regen immer wieder Erdrutsche aus. Im Juli 2024 verschüttete ein erdrutsch in der Zone Gofa im Süden des Landes Menschen, die nach einem ersten Abgang zur Hilfe geeilt waren. Mehr als 250 Menschen starben. Abgeholzte Hänge und dichte Besiedlung machen solche Unglücke wahrscheinlicher.

Was der Klimawandel verändert

Was der Klimawandel konkret verändert lässt sich für einzelne Jahre nicht genau sagen. Der Weltklimarat beschreibt für Ostafrika aber klare Trends: Die Temperaturen steigen, Hitzeperioden werden häufiger, und Starkregen nimmt zu. Ob es insgesamt mehr oder weniger regnet, ist für die Region weniger eindeutig. Für Bauern und Hirten bedeutet das vor allem, dass das Wetter unberechenbarer wird. Regenzeiten beginnen später, enden früher oder kommen in heftigen Güssen statt in gleichmäßigem Regen.

Äthiopien trägt selbst sehr wenig zum Klimawandel bei. Der Ausstoß von Treibhausgasen pro Kopf ist gering, und fast der gesamte Strom stammt aus Wasserkraft. Trotzdem gehört das Land zu den Staaten, die am stärksten unter den Folgen leiden.

Wie Äthiopien sich anpasst

Neben der Nothilfe setzt Äthiopien seit Jahren auf Anpassung. Schon 2011 beschloss die Regierung eine Strategie für eine klimaresistente grüne Wirtschaft. Dazu gehören der Ausbau der Wasserkraft, mehr Bewässerung und der Schutz der Böden. In vielen Dörfern legen Gemeinschaften Terrassen an, bauen Steinwälle und forsten die hänge auf, damit der Regen nicht die fruchtbare Erde wegspült. Manche Gemeinden in Tigray wurden für solche Projekte international bekannt, weil versiegte Quellen wieder Wasser führten.

Seit 2019 ruft die Regierung jedes Jahr zu großen Pflanzaktionen auf, der sogenannten Grünen Hinterlassenschaft, auf Amharisch Arenguade Ashara. Nach Regierungsangaben wurden dabei Milliarden Setzlinge gepflanzt, an einem Tag im Juli 2019 angeblich über 350 Millionen. Unabhängig überprüft sind diese Zahlen nicht. Ob die Bäume überleben ist die eigentliche Frage, denn viele Setzlinge vertrocknen, wenn niemand sie pflegt.

Weitere Bausteine sind Frühwarnsysteme, die Ernteausfälle früh erkennen, Versicherungen für Viehhalter, die bei Dürre ausgezahlt werden, und dürreresistente Sorten. Das staatliche Sicherheitsnetz kann in Krisenjahren schnell ausgeweitet werden. Wie sich all das auf die Versorgung auswirkt, beschreibt die Seite Humanitäre Lage in Äthiopien.

Was das für Reisende heißt

Für Reisende ist das Klima vor allem eine Frage der Reisezeit. Die Durchschnittswerte in Klimatabellen geben eine gute Orientierung, doch ein einzelnes Jahr kann deutlich abweichen. Wer in der Regenzeit unterwegs ist, muss mit gesperrten Pisten rechnen. Mehr dazu auf der Seite Beste Reisezeit für Äthiopien.

Häufige Fragen

Warum gibt es in Äthiopien so oft Dürren?

Weil fast die gesamte Landwirtschaft vom Regen abhängt und die Regenzeiten stark schwanken, oft im Zusammenhang mit El Niño und La Niña. Der Klimawandel macht das Wetter zusätzlich unberechenbarer.

Wann war die letzte große Dürre?

Von Ende 2020 bis Anfang 2023 im Süden und Südosten, mit fünf ausgefallenen Regenzeiten in Folge. Davor 2015 und 2016 im Norden und Zentrum.

Was ist Green Legacy?

Eine Kampagne der Regierung seit 2019, bei der jedes Jahr in großen Aktionen Bäume gepflanzt werden. Die genannten Zahlen stammen von der Regierung und sind nicht unabhängig überprüft.

Quellen

  • Ethiopian Meteorological Institute: Saisonvorhersagen und Klimainformationen
  • IPCC: Sixth Assessment Report, Working Group II, Chapter 9 Africa, 2022
  • Famine Early Warning Systems Network (FEWS NET): Ethiopia
  • UN OCHA: Horn of Africa Drought, Lageberichte 2022 und 2023
  • Federal Democratic Republic of Ethiopia: Climate Resilient Green Economy Strategy, 2011

Stand der Angaben: 3. November 2026