Kein einheitliches Bild

Wer über Frauen in Äthiopien spricht muss die großen Unterschiede im Land bedenken. Eine Ingenieurin in Addis Abeba, eine Bäuerin im Hochland von Gojjam, eine Hirtin in der Somali-Region und eine Studentin in Hawassa leben in sehr verschiedenen Welten. Religion, Herkunft, Bildung und Wohnort prägen, welche Rolle Frauen spielen und welche Freiheiten sie haben. Die folgenden Abschnitte beschreiben Tendenzen, keine festen Regeln.

Arbeit und Alltag

Auf dem Land arbeiten Frauen vom frühen Morgen bis in den Abend. Sie holen Wasser und Brennholz, mahlen Getreide, backen Injera, kümmern sich um Kinder und Tiere und helfen auf den Feldern. Auf den Märkten sind sie oft die Händlerinnen, die Gemüse, Butter, Eier oder Gewürze verkaufen. In vielen Familien ist die kaffeezeremonie Sache der Frau des Hauses, und mit ihr pflegt sie Beziehungen in der Nachbarschaft. Wie diese Zeremonie abläuft, beschreibt die Seite Kaffee und Kaffeezeremonie.

Händlerin zwischen Gemüse und zwei Eseln auf einem belebten Markt
Auf den Märkten handeln oft Frauen, viele verdienen so ein eigenes Einkommen.

In den Städten arbeiten immer mehr Frauen außer Haus, als Lehrerinnen, Krankenschwestern, Beamtinnen, in Banken, Fabriken oder im eigenen Geschäft. In den Textilfabriken der Industrieparks sind die meisten Beschäftigten junge Frauen. Viele junge Frauen gehen außerdem als Hausangestellte in die Golfstaaten, wo sie oft schutzlos sind und von Ausbeutung und Gewalt berichten.

Rechte auf dem Papier

Die Verfassung von 1995 garantiert Frauen gleiche Rechte, auch beim Eigentum, bei der Ehe und in der Arbeit. Das Familiengesetz von 2000 legte ein mindestalter von 18 Jahren für die Ehe fest und gab Ehefrauen gleiche Rechte am gemeinsamen Besitz. Das Strafgesetzbuch von 2004 verbietet Genitalverstümmelung, Frühehe und Entführung zur Heirat. Bei der Vergabe von Landrechten wurden die Namen beider Eheleute eingetragen, sodass die landurkunde vielen Frauen erstmals einen eigenen Anspruch auf Land sichert.

Was im Gesetz steht kommt allerdings nicht überall an. Vor allem auf dem Land entscheiden oft Familie, Älteste und Tradition, nicht die Gerichte. Frauen, die sich auf ihre Rechte berufen, stoßen nicht selten auf Widerstand.

Frühehe und Beschneidung

Nach der letzten großen Gesundheitserhebung von 2016 waren rund 40 Prozent der Frauen zwischen 20 und 24 Jahren vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet worden. Etwa zwei Drittel der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren waren beschnitten, wobei die Form und Verbreitung je nach Region stark schwankt. Bei jüngeren Frauen sind beide Werte deutlich niedriger als bei ihren Müttern, der Wandel ist also im Gange. In manchen Regionen, etwa in Afar und der Somali-Region, ist Beschneidung aber noch fast allgegenwärtig.

Auch die Entführung von Mädchen zur Zwangsheirat kam in manchen Gegenden lange vor. Wie ein solcher Fall vor Gericht landete, erzählt der Film Difret, den die Seite Filme und Dokus vorstellt. Viele Organisationen, Gesundheitshelferinnen und religiöse Führer setzen sich heute gegen diese Praktiken ein.

Bildung

Mädchen gehen heute viel häufiger zur Schule als noch vor dreißig Jahren. In der Grundschule sind sie fast so zahlreich wie Jungen. Weil Mädchen früh im Haushalt helfen verpassen sie aber häufiger Unterricht, und viele verlassen die Schule, wenn sie heiraten oder Kinder bekommen. An den Universitäten sind Frauen weiterhin seltener vertreten als Männer. Mehr dazu auf der Seite Bildung in Äthiopien.

Frauen in Politik und Öffentlichkeit

Als 2018 die Hälfte der Ministerposten an Frauen ging war das ein Signal weit über Äthiopien hinaus. Im selben Jahr wurde Sahle-Work Zewde als erste Frau Staatspräsidentin, Meaza Ashenafi erste Präsidentin des Obersten Gerichts und Birtukan Mideksa Vorsitzende der Wahlbehörde. Nach der Wahl von 2021 waren rund 40 Prozent der Abgeordneten im Parlament Frauen. Kritikerinnen merken allerdings an, dass Frauen in Spitzenämtern nicht automatisch mehr Rechte für Frauen im Dorf bedeuten. Wie das politische System funktioniert, erklärt die Seite Politisches System Äthiopiens.

Auch in der Geschichte gibt es starke Frauen. Kaiserin Taytu Betul gründete mit Menelik II. Addis Abeba und führte bei Adwa eigene Truppen, Zewditu regierte von 1916 bis 1930 als Kaiserin. Weltweit bekannt sind die Läuferinnen. Derartu Tulu gewann 1992 in Barcelona als erste Frau aus Afrika südlich der Sahara eine goldmedaille bei Olympischen Spielen. Ihr folgten Läuferinnen wie Tirunesh Dibaba und Meseret Defar. Mehr dazu auf der Seite Äthiopiens Läuferinnen und Läufer.

Gewalt in den Kriegen

In den Kriegen der letzten Jahre wurde sexuelle Gewalt in großem Ausmaß als Waffe eingesetzt. Untersuchungen der Vereinten Nationen und von Menschenrechtsorganisationen dokumentierten Vergewaltigungen durch Kämpfer mehrerer Seiten in Tigray, Amhara und Afar. Viele Überlebende haben bis heute keinen Zugang zu medizinischer und psychologischer Hilfe. Hintergründe dazu stehen auf der Seite Der Tigray-Krieg.

Was sich verändert

In vielen Familien erleben die töchter heute ein anderes Leben als ihre Mütter. Sie gehen länger zur Schule, heiraten später, bekommen weniger Kinder und haben ein Handy, das ihnen Zugang zu Informationen gibt. Ob sich die Lage weiter verbessert hängt davon ab, ob Frieden einkehrt, ob Mädchen in der Schule bleiben können und ob Gesetze im Alltag durchgesetzt werden. Mehr zum Familienleben steht auf der Seite Familie und Kindheit.

Häufige Fragen

Ab welchem Alter dürfen Frauen in Äthiopien heiraten?

Nach dem Familiengesetz von 2000 ab 18 Jahren, für Frauen und Männer gleichermaßen. Frühehen kommen auf dem Land trotzdem noch vor.

Ist Genitalverstümmelung in Äthiopien verboten?

Ja, seit dem Strafgesetzbuch von 2004. Sie ist aber weiterhin verbreitet, wenn auch bei jüngeren Frauen deutlich seltener als bei älteren.

Gibt es Frauen in der Regierung?

Ja. 2018 ging die Hälfte der Ministerposten an Frauen, und von 2018 bis 2024 war Sahle-Work Zewde Staatspräsidentin.

Quellen

  • Ethiopian Public Health Institute und ICF: Ethiopia Demographic and Health Survey 2016
  • Revised Family Code Proclamation No. 213/2000 und Criminal Code of Ethiopia 2004
  • UNICEF: Female Genital Mutilation and Child Marriage in Ethiopia, Statistische Profile
  • UN Women Ethiopia: Länderinformationen
  • Human Rights Watch und Amnesty International: Berichte zu sexueller Gewalt im Tigray-Krieg, 2021 und 2022

Stand der Angaben: 3. November 2026