Äthiopisches Kino und Dokus

In Addis Abeba gibt es eine lebendige Filmszene. Jedes Jahr entstehen viele amharischsprachige Spielfilme, meist Komödien, Liebesgeschichten und Familiendramen, die in den Kinos der Stadt und im Netz laufen. Nur wenige davon kommen nach Europa. Daneben gibt es Filme von Regisseurinnen und Regisseuren, die international bekannt geworden sind, oft in Zusammenarbeit mit Produzenten aus dem Ausland. Weil viele Filme nur auf Festivals liefen sind sie heute nicht immer leicht zu bekommen. Die Auswahl hier mit Spielfilmen und Dokus ist ein Anfang, keine vollständige Liste.

Spielfilme

Teza (2008). Der Regisseur Haile Gerima, der lange in den USA lehrte, erzählt von einem Arzt, der nach Jahren in Deutschland in sein Dorf in Äthiopien zurückkehrt und auf die Zeit des Kaisers, der Revolution und der Militärregierung zurückblickt. Der Film gewann bei den Filmfestspielen von Venedig 2008 den Spezialpreis der Jury. Er ist anspruchsvoll, poetisch und für alle interessant, die sich für die Geschichte des Landes interessieren. Hintergründe zur Zeit des Derg stehen im Glossar unter Derg.

Lamb (2015). Ein kleiner junge wird nach dem Tod seiner Mutter zu Verwandten in ein Dorf gebracht, zusammen mit seinem Schaf, das er um jeden Preis vor dem Festessen bewahren will. Regie führte Yared Zeleke. Der Film lief 2015 in der Reihe Un Certain Regard in Cannes, als erster äthiopischer Film im offiziellen Programm des Festivals. Er zeigt das Leben auf dem Land, ruhig und in großartigen Landschaften.

Difret (2014). Eine junge anwältin verteidigt ein vierzehnjähriges Mädchen, das sich gegen eine Entführung zur Zwangsheirat gewehrt und dabei seinen Entführer getötet hat. Der Film von Zeresenay Mehari beruht auf einem echten Fall und gewann 2014 Publikumspreise beim Sundance Film Festival und bei der Berlinale. Er ist bewegend und wirft einen kritischen Blick auf Traditionen, die Frauen schaden.

Price of Love (2015). Hermon Hailay erzählt von einem jungen Taxifahrer in Addis Abeba und einer Frau, die aus der Prostitution aussteigen will. Ein Film über Armut, Würde und Liebe in der Großstadt.

Dokumentarfilme

Faya Dayi (2021). Jessica Beshir zeigt in schwarz-weißen bildern das Leben rund um Khat in der Gegend von Harar, wo die Blätter angebaut, gehandelt und gekaut werden. Ein langsamer, meditativer Film, der 2021 beim Sundance Film Festival lief. Wer sich auf langsame Bilder einlässt wird mit einem ungewöhnlichen Blick auf den Osten des Landes belohnt.

Ethiopiques: Revolt of the Soul (2017). Der Dokumentarfilm erzählt die Geschichte der äthiopischen Musik der 1960er und 1970er Jahre und der Reihe Éthiopiques, die sie wieder bekannt gemacht hat. Wer Musik mag beginnt am besten hier und liest danach die Seite Ethio-Jazz und Mulatu Astatke.

Atletu (2009). Ein Spielfilm mit dokumentarischen Elementen über den Marathonläufer Abebe Bikila, der 1960 in Rom barfuß Olympiasieger wurde. Er erzählt vor allem von seinen späteren Jahren nach einem schweren Unfall. Mehr zum Laufsport steht auf der Seite Äthiopiens Läuferinnen und Läufer.

Tipps zum Anschauen

Viele dieser Filme sind ruhig erzählt und lassen sich Zeit. Es lohnt sich, sie in Ruhe anzuschauen, am besten mit etwas Hintergrundwissen. Vor Teza hilft ein Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, vor Faya Dayi einer auf die Stadt Harar. Eine schöne Idee für einen Abend mit Freunden: erst äthiopisch kochen, dann einen Film schauen.

Wo du die Filme findest

Die Verfügbarkeit wechselt. Manche Filme laufen zeitweise bei Streamingdiensten, andere gibt es als DVD oder Blu-ray, oft mit englischen Untertiteln, seltener mit deutschen. Wenn du einen Film nicht findest lohnt ein Blick in die Mediathek von Arte und anderen öffentlich-rechtlichen Sendern, in Programmkinos und auf Filmfestivals mit Schwerpunkt Afrika, etwa in Köln, Frankfurt oder Berlin. Auch in der stadtbibliothek gibt es manchmal einzelne Titel. Mit untertiteln auf Englisch kommen die meisten gut zurecht.

Was die Filme verbindet ist der Blick von innen. Sie zeigen Äthiopien nicht als Kulisse, sondern als Land mit eigenen Geschichten, Konflikten und Humor. Wer lieber liest, findet Empfehlungen auf der Seite Äthiopische Literatur.

Häufige Fragen

Welcher äthiopische Film ist ein guter Einstieg?

Lamb ist ruhig, zugänglich und zeigt das Leben auf dem Land. Wer Geschichte mag, schaut Teza, wer Musik mag, die Dokumentation über Ethiopiques.

Gibt es äthiopische Filme mit deutschen Untertiteln?

Einige, aber nicht viele. Die meisten Titel sind mit englischen Untertiteln erhältlich.

Gibt es Filme über Äthiopien auf Deutsch?

Vereinzelt, vor allem Dokumentationen der öffentlich-rechtlichen Sender. Spielfilme aus Äthiopien laufen meist im Original mit Untertiteln.

Quellen

  • La Biennale di Venezia: Preisträger 2008
  • Festival de Cannes: Un Certain Regard 2015, Lamb
  • Sundance Institute: Preisträger 2014 und Programm 2021
  • Internationale Filmfestspiele Berlin: Panorama Publikumspreis 2014

Stand der Angaben: 3. November 2026