Wie Ethio-Jazz klingt

Wer Ethio-Jazz zum ersten Mal hört erkennt den Jazz an Instrumenten und Arrangements: Saxofon, Trompete, Orgel, Kontrabass, Schlagzeug. Gleichzeitig klingt alles ein wenig anders. Das liegt an den Tonleitern. Die äthiopische Musik nutzt fünftönige Skalen, Qenet genannt, mit Namen wie Tizita, Bati, Ambassel und Anchihoye. Auf diesen Tönen bauen die Melodien auf, und so entsteht ein Klang, der zugleich vertraut und fremd wirkt, melancholisch und tanzbar. Wie diese Tonleitern auf traditionellen Instrumenten klingen, zeigt der Eintrag Krar.

Typisch sind außerdem wiederholte, hypnotische Basslinien, Bläser, die im Satz spielen, und ein Rhythmus, der oft lateinamerikanische Einflüsse zeigt. Ethio-Jazz ist meist instrumental, aber die Grenze zur Popmusik der Zeit mit Gesang ist fließend.

Mulatu Astatke

Als Vater des Ethio-Jazz gilt Mulatu Astatke. Er wurde 1943 in Jimma im Südwesten Äthiopiens geboren und ging als Jugendlicher zum Studium nach Großbritannien. In London kam er mit Jazz in Berührung, später studierte er in den USA am Berklee College of Music in Boston, als einer der ersten Studenten aus Afrika. In New York spielte er mit Musikern aus Puerto Rico und Kuba und mischte deren Rhythmen mit äthiopischen Melodien.

Zurück in Addis Abeba entwickelte er seinen Stil weiter, oft mit dem vibrafon als führendem Instrument. Aufnahmen aus den späten 1960er und frühen 1970er Jahren gelten heute als Klassiker. Mulatu Astatke hat bis ins hohe Alter Konzerte gegeben, auch in Deutschland, und mit jüngeren Musikern aus Europa und den USA zusammengearbeitet. Das Berklee College verlieh ihm 2012 die Ehrendoktorwürde.

Die goldenen Jahre in Addis

Ethio-Jazz war Teil einer größeren Bewegung. In den 1960er und frühen 1970er Jahren erlebte die Musik in Addis Abeba eine Blütezeit, die oft Swinging Addis genannt wird. Große Orchester gehörten zur kaiserlichen Leibgarde, zur Polizei und zur Armee. In den nachtclubs und Hotels spielten Bands, Sängerinnen und Sänger wie Mahmoud Ahmed, Tilahun Gessesse und Alemayehu Eshete wurden Stars. Der Saxofonist Getatchew Mekurya entwickelte einen rauen, eigenwilligen Stil, der an Free Jazz erinnert. Junge Labels pressten Singles und Alben. Mehr zum historischen Hintergrund der Zeit steht auf der Seite Haile Selassie.

Als die Militärregierung 1974 die Macht übernahm änderte sich vieles. Der Derg verhängte über Jahre eine nächtliche ausgangssperre, die das Nachtleben weitgehend beendete. Viele Musiker gingen ins Ausland, andere spielten nun für staatliche Ensembles. Mehr zu dieser Zeit steht im Glossar unter Derg.

Wiederentdeckung durch Éthiopiques

Weil viele Aufnahmen nur auf Single erschienen waren drohten sie in Vergessenheit zu geraten. Das änderte sich ab Ende der 1990er Jahre mit der Reihe Éthiopiques, die der französische Musikproduzent Francis Falceto beim Label Buda Musique herausgab. Die Reihe umfasst inzwischen Dutzende Bände mit Musik aus den goldenen Jahren und darüber hinaus. Viele Hörerinnen und Hörer in Europa haben Ethio-Jazz durch sie kennengelernt. Einen Dokumentarfilm über diese Zeit stellt die Seite Filme und Dokus vor.

Einen weiteren Schub brachte 2005 ein film des US-Regisseurs Jim Jarmusch, Broken Flowers, dessen Soundtrack mehrere Stücke von Mulatu Astatke enthält. Seitdem haben Bands in vielen Ländern den Stil aufgegriffen, und Ethio-Jazz-Gruppen touren regelmäßig, auch durch Deutschland. Was in den Sechzigern in Addis Abeba entstand klingt heute in Clubs von Berlin bis Melbourne.

Einfluss bis heute

Ethio-Jazz hat Spuren in vielen Musikrichtungen hinterlassen. Hip-Hop-Produzenten haben Stücke von Mulatu Astatke gesampelt, etwa Nas und Damian Marley auf ihrem gemeinsamen Album von 2010. Jazzmusiker aus Europa und Amerika greifen die Tonleitern auf und verbinden sie mit Elektronik, Funk oder Afrobeat. In Deutschland treten regelmäßig Bands auf, die Ethio-Jazz spielen, manche mit Musikern aus der äthiopischen Diaspora, andere ganz ohne äthiopische Mitglieder. In Äthiopien selbst gibt es eine junge Szene, die an die goldenen Jahre anknüpft und den Klang weiterentwickelt. Damit ist ein Stil, der beinahe vergessen war, heute lebendiger als in den Jahrzehnten nach 1974.

Wo du anfangen kannst

  • Ein guter Einstieg sind die Éthiopiques-Bände zu Mulatu Astatke und zu Mahmoud Ahmed.
  • Hör dir zum Vergleich traditionelle Musik mit Krar und Masenqo an, um die gemeinsamen Tonleitern zu erkennen.
  • Achte auf Konzertankündigungen in deiner Stadt. Ethio-Jazz-Bands spielen oft in kleineren Clubs.
  • Wer Vinyl mag, findet Neuauflagen und gelegentlich Originale auf plattenbörsen.

Wer tiefer einsteigen will findet in Büchern und Begleitheften viele Hintergründe zu Musikern, Bands und Labels. Einen Überblick über Kirchengesang, Volksmusik und Tanz gibt die Seite Äthiopische Musik und Tanz. Und wer in Addis Abeba ist, kann in manchen Lokalen bis heute Livemusik hören, die an diese Zeit anknüpft. Mehr zur Stadt steht auf der Seite Addis Abeba.

Häufige Fragen

Wer hat den Ethio-Jazz erfunden?

Als Begründer gilt Mulatu Astatke, der in den 1960er Jahren äthiopische Tonleitern mit Jazz und lateinamerikanischen Rhythmen verband.

Was ist Éthiopiques?

Eine Reihe von CDs und Platten beim Label Buda Musique, die seit Ende der 1990er Jahre äthiopische Musik vor allem aus den 1960er und 1970er Jahren neu veröffentlicht.

Wo kann ich Ethio-Jazz live hören?

In Deutschland touren regelmäßig Ethio-Jazz-Bands, oft in kleineren Clubs und auf Jazzfestivals. In Addis Abeba gibt es Lokale mit Livemusik, die an die goldenen Jahre anknüpfen. Ein Blick in die Konzertkalender deiner Stadt lohnt sich.

Quellen

  • Francis Falceto: Abyssinie Swing. A Pictorial History of Modern Ethiopian Music, Addis Abeba 2001
  • Buda Musique: Reihe Éthiopiques, Begleithefte
  • Berklee College of Music: Mulatu Astatke, Ehrendoktor 2012
  • Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Music

Stand der Angaben: 3. November 2026