Ein Damm der Superlative
Der Staudamm GERD steht in der Region Benishangul-Gumuz, rund 15 Kilometer vor der Grenze zum Sudan. Der Hauptdamm ist etwa 145 Meter hoch und fast zwei Kilometer lang. Wer am Ufer des Stausees steht blickt auf eine Wasserfläche, die sich weit in die Täler zieht und bis zu 74 Kubikkilometer Wasser fasst. Die Turbinen haben zusammen eine Leistung von gut 5.000 Megawatt, mehr als jedes andere Wasserkraftwerk in Afrika. Wie der Blaue Nil vom Tanasee bis hierher fließt, beschreibt die Seite Blauer Nil.
Vom Grundstein zur Einweihung
Pläne für einen Damm an dieser Stelle gab es schon seit den 1960er Jahren. Als Meles Zenawi 2011 den Grundstein legte war das ein politisches Signal: Äthiopien wollte den Fluss, der zum größten Teil auf seinem Gebiet entspringt, endlich selbst nutzen. Gebaut wurde der Damm von einem italienischen Bauunternehmen, die turbinen und die Stromtechnik kamen von verschiedenen Firmen aus aller Welt.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 2011 | Baubeginn und Grundsteinlegung |
| 2015 | Grundsatzerklärung von Äthiopien, Ägypten und Sudan in Khartum |
| 2020 | Erste Füllung des Stausees während der Regenzeit |
| 2022 | Die erste Turbine liefert Strom |
| 2024 | Fünfte und letzte große Füllung |
| 2025 | Feierliche Einweihung im September |
Finanziert wurde der Damm zum großen Teil im eigenen Land. Beamte gaben einen Teil ihres Gehalts, Schulkinder sammelten Geld, und viele Familien, auch in der Diaspora, kauften eine anleihe des Staates. Für viele Menschen ist der GERD deshalb ein gemeinsames Werk, das sie mit Stolz erfüllt.
Die alten Nilverträge
Weil in Ägypten fast kein Regen fällt hängt das Land nahezu vollständig vom Nil ab. Der größte Teil seines Wassers stammt aus dem äthiopischen Hochland, über den Blauen Nil, den Atbara und den Sobat. Ägypten beruft sich auf zwei alte Verträge. 1929 sicherte Großbritannien, damals Kolonialmacht im Sudan und in Ostafrika, Ägypten in einem Abkommen weitgehende Rechte am Nilwasser zu, einschließlich eines Vetos gegen Bauten flussaufwärts. 1959 teilten Ägypten und der Sudan das Wasser unter sich auf, Ägypten erhielt 55,5 Milliarden Kubikmeter im Jahr, der Sudan 18,5 Milliarden.
Äthiopien war an keinem dieser Verträge beteiligt und erkennt sie nicht an. Es verweist auf ein Rahmenabkommen der Länder am Oberlauf des Nils, das 2010 in Entebbe ausgehandelt wurde und eine gerechte Nutzung durch alle Anrainer vorsieht. Nachdem genügend Staaten es ratifiziert hatten, trat es im Oktober 2024 in Kraft. Ägypten und der Sudan lehnen es ab.
Drei Länder, drei Sichtweisen
Äthiopien sieht im Damm sein Recht auf Entwicklung. Der Damm verbrauche kein Wasser, sondern halte es nur zurück, um Strom zu erzeugen, und gebe es danach wieder ab. Das Land brauche den Strom dringend und lasse sich nicht von Verträgen aus der Kolonialzeit binden.
Ägypten fürchtet, dass Äthiopien in Dürrejahren zu viel Wasser zurückhält und dass der Damm eine Zukunft einleitet, in der weitere Staudämme flussaufwärts folgen. Es verlangt ein abkommen, das Füllung und Betrieb rechtlich bindend regelt, besonders für lange Trockenzeiten.
Der Sudan schwankte. Der Damm kann Überschwemmungen dämpfen und billigen Strom liefern, doch sein eigener Staudamm bei Roseires liegt nur rund hundert Kilometer flussabwärts. Ohne Absprachen über die Abgabe des Wassers sieht er deren Sicherheit gefährdet. Er fordert vor allem, dass Äthiopien die daten über Füllung und Abfluss rechtzeitig teilt.
Verhandlungen ohne Ergebnis
2015 unterzeichneten die drei Staaten in Khartum eine Grundsatzerklärung, in der sie sich zu Zusammenarbeit und fairer Nutzung bekannten. In den folgenden Jahren gab es viele Gesprächsrunden, zeitweise unter Vermittlung der USA und der Weltbank, später der Afrikanischen Union. Ägypten brachte den Streit 2020 und 2021 vor den UN-Sicherheitsrat, der die Parteien an die Afrikanische Union verwies. Eine verbindliche Einigung kam nie zustande.
Der Streit beeinflusst die Politik in der ganzen Region. Ägypten hat seine Beziehungen zu Eritrea und Somalia vertieft, zwei Nachbarn, mit denen Äthiopien ebenfalls Spannungen hat. Anfang Oktober 2026 trafen sich die Staatschefs von Ägypten, Eritrea, Somalia und dem Sudan zu Gesprächen. Mehr dazu auf der Seite Zugang zum Meer.
Was der Strom bringt
Was Äthiopien mit dem Strom anfängt entscheidet über den Nutzen des Damms. Ein großer Teil der Bevölkerung hat noch keinen verlässlichen Stromanschluss, vor allem auf dem Land. Neue Leitungen sollen Dörfer und Industrieparks versorgen. Strom wird bereits nach Dschibuti, in den Sudan und nach Kenia exportiert und bringt Devisen. Seit einigen Jahren kaufen außerdem Unternehmen, die mit großen Rechenzentren Kryptowährungen erzeugen, Strom in großen Mengen, was im Land umstritten ist. Wie die Wirtschaft insgesamt dasteht, beschreibt die Seite Wirtschaft Äthiopiens.
Für die Menschen, die im Gebiet des Stausees lebten, vor allem Gumuz und andere kleinere Gruppen, bedeutete der Bau Umsiedlung und den Verlust von Land und Wald. Diese Seite des Projekts spielt in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle.
Wie es weitergeht
Seit der Füllung des Stausees hat sich ein Teil der Sorgen in der Praxis abgeschwächt, denn der Fluss fließt weiter, und Ägypten konnte Ausfälle bisher mit seinem eigenen großen Stausee am Assuan-Damm ausgleichen. Die eigentliche Probe kommt in einer mehrjährigen Dürre. Ob es eine Einigung gibt hängt davon ab, ob die drei Länder wieder Vertrauen fassen und ihre Messwerte über Regen, Füllstand und Abfluss offen austauschen. Diese Seite beschreibt die Positionen, sie bewertet den Streit nicht.
Häufige Fragen
Wann wurde der GERD fertig?
Baubeginn war 2011, die erste Turbine lieferte 2022 Strom, und im September 2025 wurde der Damm feierlich eingeweiht.
Warum ist Ägypten gegen den Damm?
Ägypten hängt fast vollständig vom Nil ab und fürchtet, dass Äthiopien in Dürrejahren zu viel Wasser zurückhält. Es verlangt deshalb ein verbindliches Abkommen über Füllung und Betrieb.
Wie groß ist der GERD?
Der Damm ist etwa 145 Meter hoch, der stausee fasst bis zu 74 Kubikkilometer, und die Turbinen leisten gut 5.000 Megawatt. Er ist das größte Wasserkraftwerk Afrikas.
Quellen
- Ethiopian Electric Power: Grand Ethiopian Renaissance Dam, technische Daten
- Agreement on Declaration of Principles between Egypt, Ethiopia and Sudan on the GERDP, Khartum, 23. März 2015
- Nile Basin Initiative: Cooperative Framework Agreement und Inkrafttreten 2024
- UN-Sicherheitsrat: Sitzungen zum GERD, Juni 2020 und Juli 2021
- International Crisis Group: Berichte zum Nilstreit
Stand der Angaben: 3. November 2026




