Ein großes Land ohne Küste
Äthiopien hat keine küste. Wer einen Container nach Addis Abeba schicken will muss ihn über einen Hafen in einem Nachbarland transportieren lassen. Der weitaus wichtigste ist Dschibuti, über den nach gängigen Schätzungen rund 90 Prozent des äthiopischen Außenhandels laufen. Von dort führen eine Straße und seit 2016 eine elektrifizierte Bahnstrecke ins Hochland. Für Äthiopien bedeutet das eine große Abhängigkeit, und die gebühren für Hafen und Transit kosten das Land jedes Jahr viel Geld und Devisen. Mehr über den Nachbarn steht auf der Seite Dschibuti.

Momentaufnahme vom 3. November 2026
Die Gespräche über Häfen und Meerzugang ändern sich häufig. Abkommen, Erklärungen und die Haltung der Nachbarn können innerhalb weniger Wochen neu sein. Diese Seite beschreibt den Stand zum genannten Datum und wird regelmäßig überprüft. Für Reiseentscheidungen gelten allein die aktuellen Hinweise des Auswärtigen Amts.
Wie Äthiopien den Zugang verlor
Das war nicht immer so. In der Antike war das Reich von Aksum eine Seemacht mit dem Hafen Adulis am Roten Meer, wie die Seite Das Aksumitische Reich beschreibt. Später lagen die Häfen lange unter osmanischer und ägyptischer Kontrolle, ab den 1880er Jahren unter italienischer. 1890 erklärte Italien Eritrea zur Kolonie. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Eritrea 1952 mit Äthiopien föderiert, und damit hatte Äthiopien wieder eine Küste mit den Häfen Massawa und Assab.
Als Eritrea 1993 unabhängig wurde verlor Äthiopien diesen Zugang. Die neue Regierung in Addis Abeba akzeptierte das, denn sie und die eritreische Führung waren Verbündete. Äthiopien nutzte zunächst weiter vor allem den Hafen Assab. Mit dem Krieg von 1998 endete das. Seitdem läuft der Handel fast vollständig über Dschibuti. Die Geschichte dieses Krieges erzählt die Seite Eritrea-Krieg 1998 bis 2000.
Eine Frage des Überlebens
Lange war die Frage politisch kaum ein Thema. Das änderte sich im Oktober 2023. Was Abiy im Oktober 2023 vor dem Parlament sagte löste in der ganzen Region Unruhe aus: Ein Land mit so vielen Menschen könne nicht in einem geografischen Gefängnis leben, der Zugang zum Roten Meer sei eine existenzielle Frage. Er betonte, er wolle das friedlich erreichen, etwa durch Tausch oder Beteiligungen. In Eritrea, Dschibuti und Somalia wurden die Worte dennoch als Drohung verstanden.
Äthiopien baut seit 2019 auch wieder eine eigene marine auf, obwohl es keinen Hafen hat. Kritiker sehen darin ein Zeichen, dass die Regierung langfristig mit einem eigenen Stützpunkt am Meer plant.
Das Abkommen mit Somaliland
Am 1. Januar 2024 unterzeichneten Abiy Ahmed und der damalige Präsident von Somaliland eine absichtserklärung. Somaliland ist ein Gebiet im Norden Somalias, das sich 1991 für unabhängig erklärt hat, aber international nicht als Staat anerkannt ist. Nach den bekannt gewordenen Inhalten hätte Äthiopien einen Küstenstreifen für einen Marinestützpunkt und Handel pachten können. Im Gegenzug war von einer möglichen Anerkennung Somalilands durch Äthiopien die Rede. Unterschrieben war damit nur ein Papier über Absichten, kein Vertrag.
Weil Somalia Somaliland als Teil seines Staatsgebiets betrachtet reagierte die Regierung in Mogadischu empört. Sie wies den äthiopischen Botschafter aus und suchte die Nähe zu Ägypten und Eritrea. Erst im Dezember 2024 vermittelte die Türkei eine Erklärung von Ankara, in der Äthiopien und Somalia vereinbarten, über einen Handelszugang für Äthiopien über Somalia zu verhandeln. Seitdem ist es um das Abkommen mit Somaliland still geworden. Mehr dazu auf der Seite Somalia und Somaliland.
Der Streit um Assab
Im Mittelpunkt der Sorgen steht heute Assab, ein Hafen im Süden Eritreas, nur rund 70 Kilometer von der äthiopischen Grenze entfernt und von Addis Abeba aus näher als Dschibuti. In Äthiopien gibt es Stimmen, die Assab historisch als äthiopisch betrachten. Eritrea sieht darin einen Angriff auf seine Souveränität und wirft Äthiopien vor, den Hafen mit Gewalt nehmen zu wollen.
Seit den neuen Kämpfen in Tigray im September 2026 hat sich der Streit gefährlich zugespitzt. Am 1. Oktober 2026 schloss Äthiopien seine Botschaft in Asmara, Eritrea brach daraufhin die diplomatischen Beziehungen ab. Bei seiner Vereidigung für eine neue Amtszeit Anfang Oktober erklärte Abiy, er werde dafür sorgen, dass Äthiopien einen Zugang zum Meer erhält. Eritrea wandte sich an den UN-Sicherheitsrat und bezeichnete das äthiopische Vorgehen als Kriegserklärung, Äthiopien wirft Eritrea seinerseits Aggression vor. Das Auswärtige Amt warnt vor Landminen auf den Straßen von Afar Richtung Assab. Beobachter bezeichnen die Lage als ein pulverfass am Roten Meer.
Andere Wege zum Meer
Neben Dschibuti nutzt Äthiopien in kleinerem Umfang andere Häfen. Berbera in Somaliland wurde mit Geld aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgebaut und ist über eine Straße mit dem Osten Äthiopiens verbunden. In Kenia soll der Hafen Lamu über einen Korridor mit Südäthiopien verbunden werden, das Projekt kommt aber nur langsam voran. Auch Port Sudan wurde früher genutzt, der Krieg im Sudan hat das erschwert. Wie die Häfen und Handelswege mit dem Rest der Region zusammenhängen, erklärt die Seite Horn von Afrika.
Was auf dem Spiel steht
Für Äthiopien geht es um Wirtschaft, Sicherheit und Selbstverständnis. Für die Nachbarn geht es um ihre Grenzen, ihre Einnahmen aus den Häfen und um die Sorge, dass ein großes Land seine Interessen mit Gewalt durchsetzen könnte. Am Roten Meer kreuzen sich außerdem die Interessen vieler anderer Staaten, von Ägypten und Saudi-Arabien über die Türkei und die Emirate bis zu den USA und China. Ob es einen friedlichen Weg zum Meer gibt hängt davon ab, ob die Staaten der Region wieder miteinander verhandeln.
Häufige Fragen
Seit wann hat Äthiopien keinen Meerzugang?
Seit der Unabhängigkeit Eritreas 1993. Bis zum Krieg 1998 nutzte Äthiopien weiter den eritreischen Hafen Assab, seitdem fast nur noch Dschibuti.
Was stand im Abkommen mit Somaliland?
Die Absichtserklärung vom Januar 2024 sah nach bekannt gewordenen Angaben einen gepachteten Küstenstreifen für Äthiopien vor, im Gegenzug war von einer Anerkennung Somalilands die Rede. Ein Vertrag folgte nicht.
Will Äthiopien Assab erobern?
Die Regierung betont, sie wolle den Zugang friedlich erreichen. Eritrea wirft ihr vor, den Hafen mit Gewalt nehmen zu wollen. Zum genannten Datum ist der Streit ungelöst und die Lage angespannt.
Quellen
- International Crisis Group: Berichte zu Äthiopien, Eritrea und Somalia, 2023 bis 2026
- Republik Türkei, Präsidialamt: Erklärung von Ankara zwischen Äthiopien und Somalia, 11. Dezember 2024
- UN-Sicherheitsrat: Schreiben Äthiopiens und Eritreas an den Sicherheitsrat, Oktober 2026
- Weltbank: Ethiopia Logistics and Trade Corridor Studies
- Auswärtiges Amt: Äthiopien, Reise- und Sicherheitshinweise, Stand 2. November 2026
Stand der Angaben: 3. November 2026




