Ein Reich zwischen Afrika, Arabien und Indien

Das Aksumitische Reich entstand in den ersten Jahrhunderten nach Christus im Norden des heutigen Äthiopien und im Süden des heutigen Eritrea. Sein Zentrum war die Stadt Aksum auf rund 2.100 Metern Höhe in den Bergen von Tigray. Von dort aus kontrollierten die Könige ein Gebiet, das zeitweise vom Niltal bis an die Küste des Roten Meeres und über das Meer hinweg bis in den Süden Arabiens reichte. Aksum war damit eine Handelsmacht und eine der großen Mächte der Spätantike, vergleichbar mit Rom, Persien oder China.

Wer im 3. Jahrhundert über die Großmächte der Welt schrieb nannte Aksum in einer Reihe mit diesen Reichen. Der persische Religionsstifter Mani zählte es zu den vier großen Königreichen seiner Zeit. Für Äthiopien ist das Aksumitische Reich bis heute ein Bezugspunkt: Hier liegen die Wurzeln der Schrift, der Kirche und vieler Erzählungen, mit denen sich das Land selbst beschreibt.

Wie alles begann

Aksum entstand nicht aus dem Nichts. Schon im ersten Jahrtausend vor Christus gab es im nördlichen Hochland Siedlungen mit Tempeln und Inschriften, deren Kultur enge Verbindungen nach Südarabien zeigt. Bekannt ist vor allem Yeha mit seinem großen Tempel, an dessen Erforschung auch das Deutsche Archäologische Institut beteiligt ist. Aus dieser älteren Kultur und lokalen Traditionen wuchs in den Jahrhunderten um die Zeitenwende ein Staat mit Königen, Palästen und einer eigenen Hauptstadt.

Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus einem griechischen Handbuch für Seefahrer aus dem 1. Jahrhundert, dem Periplus des Erythräischen Meeres. Es beschreibt den Hafen Adulis und nennt einen König namens Zoskales, der die Küste beherrschte und Griechisch lesen konnte. Spätestens ab dem 3. Jahrhundert war Aksum eine feste Größe im Handel des Roten Meeres.

Handel über Adulis

Der Reichtum Aksums beruhte auf dem Handel. Der wichtigste Hafen war Adulis an der Küste des heutigen Eritrea, einige Tagesreisen von der Hauptstadt entfernt. Von hier fuhren Schiffe nach Ägypten, nach Arabien, nach Persien und bis nach Indien. Was die Händler aus dem Hinterland brachten ging von Adulis aus in die Welt: Elfenbein, Gold, Weihrauch, Myrrhe, Tierhäute, lebende Tiere und auch versklavte Menschen. Im Gegenzug kamen Wein und Olivenöl aus dem Mittelmeerraum, Stoffe, Glas, Metallwaren und Gewürze ins Land.

Ein Teil der händler, die in Adulis lebten, kam aus dem Römischen Reich, andere aus Arabien und Indien. Griechisch war die Sprache des Handels, und auch aksumitische Könige ließen Inschriften auf Griechisch anfertigen. Für die Bauern im hochland bildeten dagegen Ackerbau und Viehzucht die Grundlage. Sie bauten Gerste, Weizen und Teff an, hielten Rinder und lieferten die Abgaben, von denen Hof und Heer lebten.

Eigene Münzen aus Gold

Eine Besonderheit Aksums ist, dass es eine eigene währung prägte. Ab dem späten 3. Jahrhundert gaben die Könige Münzen aus Gold, Silber und Bronze aus. Kaum ein anderer Staat in Afrika südlich Ägyptens tat das in dieser Zeit. Die Goldmünzen richteten sich nach dem römischen Gewichtssystem und waren für den Fernhandel gedacht, die Bronzemünzen für den Alltag im Land. Auf den Münzen stehen die Namen der Könige, ihr Bild mit Krone und bis ins 4. Jahrhundert Symbole wie Mondsichel und Scheibe.

Weil die Münzen weit gereist sind wissen wir heute viel über die Herrscher. Funde gibt es in Südarabien und sogar in Indien. Für manche Könige sind die Münzen die einzige Quelle überhaupt. Sie zeigen auch einen der wichtigsten Einschnitte der aksumitischen Geschichte, den Wechsel der Religion.

Ezana und das Christentum

Im 4. Jahrhundert regierte König Ezana. Er führte Feldzüge nach Westen bis an den Nil und ließ seine Siege in Stein festhalten, auf Ge'ez, Griechisch und in einer südarabischen Schrift. In den frühen Inschriften dankt er noch den alten Göttern, vor allem Mahrem, den der König als seinen göttlichen Vater ansah. In den späteren Inschriften spricht er vom Gott des Himmels und schließlich von Vater, Sohn und Heiligem Geist.

Als Ezana Christ wurde änderten sich auch die Münzen: Mondsichel und Scheibe verschwanden, an ihre Stelle trat das Kreuz. Nach der Überlieferung brachte ein Syrer namens Frumentius den christlichen Glauben an den Hof. Er war als Junge mit einem Schiff ins Rote Meer gekommen, dessen Besatzung an der Küste getötet wurde, und wurde an den Königshof gebracht. Später wurde er Berater am Hof und später in Alexandria zum ersten Bischof Aksums geweiht. So begann die enge Bindung der äthiopischen Kirche an Alexandria, die bis ins 20. Jahrhundert anhielt. Wie der Glaube das Land bis heute prägt, beschreibt die Seite Religion in Äthiopien.

In dieser Zeit entwickelte sich auch die Schrift weiter. Ge'ez wurde zunächst nur mit Konsonanten geschrieben. Etwa ab der Mitte des 4. Jahrhunderts kamen Zeichen für die Vokale hinzu, und es entstand die Silbenschrift, die bis heute für Amharisch und Tigrinya verwendet wird. Mehr dazu steht im Glossar unter Ge'ez.

Stelen, Paläste und Gräber

Das bekannteste Erbe Aksums sind die Stelen. Die größten wurden aus einem einzigen block Granit gehauen und so bearbeitet, dass sie wie mehrstöckige Häuser mit Fenstern und Türen aussehen. Sie markierten die Gräber der Herrscher und ihrer Familien. Die größte Stele war rund 33 Meter lang und wog über 500 Tonnen. Sie stürzte vermutlich schon beim Aufrichten um und liegt bis heute zerbrochen am Boden. Eine andere, rund 24 Meter hohe Stele ließ das faschistische Italien 1937 nach Rom bringen. Erst 2005 kehrte sie zurück und steht seit 2008 wieder in Aksum.

Neben den Stelen haben Archäologen Reste großer Paläste, Grabkammern und Wohnhäuser freigelegt. Die Mauern wurden in einer typischen Technik gebaut, mit Holzbalken, deren Enden wie Köpfe aus der Wand ragen. Dieses Muster findet sich später auch in Kirchen wieder, etwa in Lalibela. 1980 nahm die UNESCO die Ruinen von Aksum in die Liste des Welterbes auf. Wie der Ort heute aussieht, beschreibt die Seite Aksum.

Höhepunkt im 6. Jahrhundert

Im 6. Jahrhundert griff Aksum erneut über das Meer. König Kaleb schickte um 525 ein Heer nach Südarabien, in das Gebiet des heutigen Jemen. Anlass war die Verfolgung von Christen durch einen dort herrschenden König. Für einige Jahrzehnte stand Südarabien unter aksumitischem Einfluss. Byzanz sah in Aksum einen christlichen Verbündeten gegen Persien, und Gesandte reisten zwischen Konstantinopel und dem Hochland hin und her.

Dieser Höhepunkt war zugleich der Anfang vom Ende des Einflusses in Arabien. Gegen Ende des 6. Jahrhunderts übernahm Persien die Kontrolle im Jemen, und Aksum verlor seine Stellung auf der anderen Seite des Meeres.

Warum das Reich zerfiel

Warum das Reich zerfiel ist bis heute nicht ganz geklärt. Wahrscheinlich kamen mehrere Ursachen zusammen. Mit dem Aufstieg des Islam im 7. Jahrhundert verschoben sich die Handelswege im Roten Meer, und Adulis verlor an Bedeutung. Zugleich deuten Funde darauf hin, dass die Böden um Aksum durch jahrhundertelange Nutzung ausgelaugt waren und Wälder abgeholzt wurden. Die Münzprägung hörte im 7. Jahrhundert auf.

Das Verhältnis zu den frühen Muslimen war dabei kein feindliches. Nach islamischer Überlieferung fanden um 615 Anhänger des Propheten Mohammed Zuflucht beim christlichen König von Aksum, den die arabischen Quellen Negus nennen. Diese Episode wird bis heute gern erzählt, wenn es um das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Äthiopien geht. Mehr dazu auf der Seite Islam in Äthiopien.

Die Macht verlagerte sich in den folgenden Jahrhunderten nach Süden, tiefer ins Hochland. Aus dieser Zeit ist wenig überliefert. Später entstand das Reich der Zagwe mit seinem Zentrum in Lalibela, und die Könige der salomonischen Dynastie beriefen sich ab 1270 ausdrücklich auf das Erbe Aksums. Den weiteren Verlauf erzählt die Seite Geschichte Äthiopiens.

Legenden um Aksum

Zu Aksum gehören Erzählungen, die für viele Menschen in Äthiopien große Bedeutung haben. Nach dem Kebra Nagast, einem Werk aus dem 14. Jahrhundert, stammen die Könige von Menelik I. ab, dem Sohn König Salomos und der Königin von Saba. Er soll die Bundeslade nach Aksum gebracht haben, wo sie nach der Überlieferung bis heute in einer Kapelle neben der Kirche der Heiligen Maria von Zion liegt. Diese Erzählungen sind Teil des Glaubens und der Identität. Archäologisch belegen lassen sie sich nicht, und die Forschung trennt zwischen Überlieferung und dem, was Funde und die inschriften zeigen.

Häufige Fragen

Wann bestand das Aksumitische Reich?

Etwa vom 1. bis zum 7. Jahrhundert nach Christus, mit einem Höhepunkt im 4. bis 6. Jahrhundert. Danach verlor es an Bedeutung, die Stadt Aksum blieb aber ein religiöses Zentrum.

Wann wurde Aksum christlich?

Unter König Ezana in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Das zeigen seine Inschriften und Münzen, auf denen das Kreuz die alten Symbole ersetzt.

Wo lag Adulis?

An der Küste des Roten Meeres im heutigen Eritrea, südlich von Massawa. Adulis war der wichtigste Hafen des Reiches.

Quellen

  • Stuart Munro-Hay: Aksum. An African Civilisation of Late Antiquity, Edinburgh 1991
  • David W. Phillipson: Foundations of an African Civilisation. Aksum and the Northern Horn, 1000 BC bis AD 1300, Woodbridge 2012
  • Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Aksum, ʿEzana und Adulis
  • UNESCO-Welterbezentrum: Aksum, Eintrag Nr. 15
  • Deutsches Archäologisches Institut: Forschungen in Aksum und Yeha

Stand der Angaben: 3. November 2026