Auf einen Blick
- Schreibung
- ግዕዝ
- Auch geschrieben
- Geez, Gəʿəz, Altäthiopisch
- Sprache
- semitisch, heute Liturgiesprache
- Schrift
- Silbenschrift, auch Fidel genannt
- Älteste Zeugnisse
- Inschriften aus dem Reich von Aksum
- Heute geschrieben in dieser Schrift
- u. a. Amharisch, Tigrinya, Tigre
Sprache und Schrift
Ge’ez, auf Ge’ez selbst ግዕዝ, ist zunächst eine Sprache. Sie gehört zur semitischen Sprachfamilie, ist also entfernt mit Arabisch und Hebräisch verwandt, und war die Sprache des alten Reiches von Aksum im Norden des heutigen Äthiopien und in Eritrea. Im Deutschen wird sie auch Altäthiopisch genannt. Zugleich ist Ge’ez der Name der Schrift, in der diese Sprache geschrieben wurde. Aus ihr hat sich die Schrift entwickelt, die heute für Amharisch, Tigrinya, Tigre und weitere Sprachen verwendet wird.
Beides wird oft vermischt. Wer sagt, ein Text sei „auf Ge’ez geschrieben“, kann die Sprache meinen oder nur die Schrift. Ein amharischer Zeitungsartikel ist in Ge’ez-Schrift geschrieben, aber nicht in der Sprache Ge’ez. Zur Frage, wen die alte Bezeichnung für die Menschen des Hochlands meint, steht mehr unter Habesha. Diese Unterscheidung hilft, Missverständnisse zu vermeiden.
Von Aksum bis heute
Die ältesten Zeugnisse der Sprache sind Inschriften auf steinen aus dem Reich von Aksum, einige davon aus dem 4. Jahrhundert. Damals ließ König Ezana seine Taten in mehreren Sprachen festhalten, darunter Ge’ez. In dieser Zeit wurde das Christentum zur Religion des Königshofs, und in den folgenden Jahrhunderten entstanden Übersetzungen der Bibel und vieler religiöser Schriften ins Ge’ez. Mehr zur Geschichte von Aksum steht auf der Seite Geschichte Äthiopiens.
Wann Ge’ez als Alltagssprache verschwand lässt sich nicht genau sagen. Die Forschung geht davon aus, dass es irgendwann im Mittelalter von anderen Sprachen wie Amharisch und Tigrinya abgelöst wurde. Als Sprache der Kirche, der Gelehrsamkeit und der Literatur blieb es aber lebendig. Bis ins 19. Jahrhundert wurden die meisten Bücher in Äthiopien auf Ge’ez verfasst, darunter Heiligenleben, Chroniken der Könige und das Kebra Nagast, die Erzählung von der Königin von Saba und ihrem Sohn Menelik. Einen Überblick über die Literatur von den Handschriften bis heute gibt die Seite Äthiopische Literatur.
Ge’ez in der Kirche
Wer heute eine äthiopische Kirche besucht hört Ge’ez. Die Liturgie der äthiopisch-orthodoxen Kirche wird bis heute in dieser Sprache gefeiert, oft im Wechsel mit Amharisch oder anderen Sprachen, damit die Gemeinde folgen kann. Priester und Diakone lernen Ge’ez in den kirchenschulen, wo auch Kirchengesang und eine besondere Form der Dichtung unterrichtet werden. Diese Dichtung heißt Qine und lebt von Doppeldeutigkeiten. Auch die Inschrift auf einem Tabot ist meist in Ge’ez verfasst. Mehr zum Glauben im Land steht auf der Seite Religionen in Äthiopien.
Für die Weltliteratur ist Ge’ez wichtig, weil einige alte religiöse Texte vollständig nur in dieser Sprache überliefert sind, darunter das Buch Henoch und das Buch der Jubiläen. Ohne die äthiopischen Handschriften wären diese Werke heute nur in Bruchstücken bekannt.
Die Schrift
Die Ge’ez-Schrift ist eine Silbenschrift. Jedes Zeichen steht für einen Konsonanten zusammen mit einem Vokal. Ursprünglich wurden nur Konsonanten geschrieben, später kamen kleine striche, Kreise und Veränderungen an den Grundzeichen dazu, die den Vokal anzeigen. So entsteht für jeden Konsonanten eine Reihe von sieben Formen. Ein Beispiel: ለ steht für le, ሉ für lu, ሊ für li. Auf Amharisch heißt die Schrift auch Fidel, was so viel wie Buchstabe oder Alphabet bedeutet.
Weil jedes Zeichen eine Silbe darstellt braucht man deutlich mehr Zeichen als im lateinischen Alphabet, für Amharisch mehrere hundert. Für Sprachen mit Lauten, die Ge’ez nicht kannte, wurden im Lauf der Zeit neue Zeichen ergänzt. Die Schrift hat auch eigene zahlzeichen, die heute vor allem in Kalendern, Kirchenbüchern und bei feierlichen Anlässen verwendet werden. Im Alltag sind arabische Ziffern üblich. Mehr dazu steht auf der Seite Sprachen und Schriften.
Ge’ez heute
Die Schrift ist heute alltäglich. Schilder, Zeitungen, Schulbücher, Websites und Nachrichten auf dem smartphone in Amharisch oder Tigrinya nutzen sie. Seit sie im Unicode-Standard erfasst ist, lässt sie sich auf allen gängigen Geräten schreiben. Nicht alle Sprachen in Äthiopien verwenden sie aber. Afaan Oromo, die meistgesprochene Sprache des Landes, wird seit den 1990er Jahren überwiegend in lateinischer Schrift geschrieben, mit dem Alphabet Qubee.
Für viele Menschen ist die Schrift ein Teil ihrer Identität und ein Grund zum Stolz. Sie ist eine der wenigen alten Schriften Afrikas, die ohne Unterbrechung bis heute benutzt werden. Wenn du die Zeichen lernen möchtest hilft es, mit den Formen eines einzigen Konsonanten anzufangen und dann die Vokalzeichen zu erkennen. Ein paar Wörter mit Umschrift findest du auf der Seite Amharisch für Reisende.
Ge’ez und Europa
Was in Europa über Ge’ez bekannt wurde geht zu einem großen Teil auf den Gelehrten Hiob Ludolf zurück, der im 17. Jahrhundert mit dem äthiopischen Mönch Abba Gorgoryos zusammenarbeitete und eine Grammatik und ein Wörterbuch der Sprache veröffentlichte. Diese Geschichte erzählt die Seite zu Thüringen. Heute wird Ge’ez an einigen Universitäten gelehrt, in Deutschland etwa in Hamburg. Weitere Begriffe sammelt das Äthiopien-Glossar.
Häufige Fragen
Wird Ge’ez noch gesprochen?
Nicht im Alltag. Als Sprache der Liturgie in der orthodoxen Kirche ist sie aber bis heute in Gebrauch.
Ist Amharisch dasselbe wie Ge’ez?
Nein. Amharisch ist eine eigene, heute gesprochene Sprache, die in der aus Ge’ez entwickelten Schrift geschrieben wird.
Quellen
- Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Gəʿəz und Ethiopic Script
- Unicode Consortium: Ethiopic, Unicode-Block U+1200 bis U+137F
- Universität Hamburg, Hiob-Ludolf-Zentrum für Äthiopistik
- Hiob Ludolf: Grammatica Aethiopica und Lexicon Aethiopico-Latinum, beide zuerst 1661
Stand der Angaben: 3. November 2026

