Die erste Hidschra nach Aksum
Die Geschichte des Islam in Äthiopien beginnt mit einer Flucht. Nach islamischer Überlieferung schickte der Prophet Mohammed um das Jahr 615 eine kleine gruppe seiner Anhänger, die in Mekka verfolgt wurden, über das Rote Meer zum christlichen König von Aksum. In arabischen Quellen heißt er al-Nadschaschi. Er nahm die Flüchtlinge auf und weigerte sich, sie an ihre Verfolger auszuliefern. Diese Auswanderung gilt als erste Hidschra, noch vor der bekannten Auswanderung Mohammeds nach Medina.
Was die Überlieferung erzählt prägt das Verhältnis vieler Muslime zu Äthiopien bis heute. Das Land gilt als Ort, der den ersten Muslimen Schutz bot. In Tigray, im Norden des Landes, steht in der Ortschaft Negash eine Moschee, die mit dieser Geschichte verbunden wird und als eine der ältesten Stätten des Islam in Afrika gilt. Wie das Reich von Aksum entstand, beschreibt die Seite Geschichte Äthiopiens.
Ausbreitung über den Handel
In den folgenden Jahrhunderten kam der Islam vor allem über Handelswege ins Land. Händler aus Arabien und von der Küste des Roten Meeres zogen ins Landesinnere, und an ihren Routen entstanden muslimische Gemeinden. Im Osten und Südosten bildeten sich vom 13. Jahrhundert an Sultanate wie Ifat und später Adal, die mit dem christlichen Reich im Hochland mal Handel trieben, mal Krieg führten.
Im 16. Jahrhundert eskalierte dieser Konflikt. Imam Ahmad ibn Ibrahim, in Äthiopien oft Ahmad Gragn genannt, führte Feldzüge tief ins Hochland, bei denen viele Kirchen und Klöster zerstört wurden. Erst mit portugiesischer Hilfe gelang dem christlichen Kaiser der Gegenschlag. Diese Zeit hat sich tief in das kollektive Gedächtnis eingeprägt und wird bis heute unterschiedlich erzählt.
Harar: Stadt der Gelehrten
Harar im Osten des Landes wurde zum wichtigsten Zentrum islamischer Gelehrsamkeit am Horn von Afrika. Die ummauerte Altstadt mit ihren engen Gassen, zahlreichen Moscheen und Schreinen steht seit 2006 auf der Welterbeliste der UNESCO. Wer heute durch Harar geht sieht kleine Moscheen an fast jeder Ecke und Schreine von Heiligen, die von Gläubigen besucht werden. Mehr über die Stadt erzählt die Seite Harar und seine Altstadt.
Gelebter Glaube
Die meisten Musliminnen und Muslime in Äthiopien sind Sunniten. Sufi-Bruderschaften spielen eine große Rolle, mit Gebeten, Gesängen und Pilgerfahrten zu den Gräbern der heiligen. Ein bekanntes Pilgerziel ist Sheikh Hussein im Südosten. In Addis Abeba prägen große Moscheen wie die Anwar-Moschee am Merkato das Stadtbild, und der Ruf zum Gebet mischt sich mit den Gesängen aus den Kirchen.
Im Fastenmonat Ramadan essen und trinken viele Muslime tagsüber nichts und brechen das Fasten am abend gemeinsam. Dazu gehören oft Sambusa, kleine gefüllte Teigtaschen. Wenn der Fastenmonat endet feiern sie das Fest des Fastenbrechens, Eid al-Fitr. Dieses Fest, das Opferfest Eid al-Adha und der Geburtstag des Propheten sind in Äthiopien gesetzliche Feiertage. Welche Feiertage es sonst gibt, steht auf der Seite Äthiopische Feste und Feiertage.
Zusammenleben mit Christen
Laut der letzten Volkszählung von 2007 waren rund 34 Prozent der Bevölkerung muslimisch, gut 43 Prozent orthodoxe Christen und knapp 19 Prozent Protestanten. Neuere amtliche Zahlen gibt es nicht. Muslime leben in allen Landesteilen, besonders viele im Osten und in Teilen von Oromia, Afar und der Somali-Region. Einen Überblick über alle Religionen gibt die Seite Religionen in Äthiopien.
Weil Christen und Muslime oft Tür an Tür leben kennen viele die Feste der anderen und besuchen sich gegenseitig. Es gibt aber auch Regeln, die das Zusammenleben prägen. Traditionell essen Christen kein Fleisch von Tieren, die von Muslimen geschlachtet wurden, und umgekehrt. In vielen Orten gibt es deshalb zwei getrennte metzgereien und manchmal auch getrennte Restaurants. Wer zum Essen eingeladen ist merkt davon wenig, denn Gastgeber achten darauf. Spannungen hat es immer wieder gegeben, auch in den letzten Jahren. Viele Menschen betonen aber die lange Tradition des Miteinanders.
Islam in der Gegenwart
In der Gegenwart ist der Islam aus dem öffentlichen Leben Äthiopiens nicht wegzudenken. Musliminnen und Muslime sind in Handel, Verwaltung, Politik und Kultur vertreten, und in vielen Städten prägen Geschäftsleute aus muslimischen Familien ganze Viertel. Der Oberste Rat für Islamische Angelegenheiten vertritt die Gemeinschaft gegenüber dem Staat. In den letzten Jahrzehnten sind viele neue Moscheen und Koranschulen entstanden, und junge Leute diskutieren lebhaft darüber, wie Glaube und modernes Leben zusammenpassen. Auch in der Diaspora, etwa in Deutschland, gibt es muslimische Gemeinden mit äthiopischen Wurzeln.
Hinweise für Besucher
Wer eine Moschee besuchen möchte, fragt vorher, ob das möglich ist. Frauen bedecken die Haare, alle tragen Kleidung, die Schultern und Knie bedeckt, und die Schuhe bleiben draußen. Während der Gebetszeiten bleiben Besucher besser fern. Im Ramadan ist es höflich, tagsüber nicht demonstrativ auf der Straße zu essen. Ein Gruß wie Salam aleikum wird fast überall freundlich erwidert, und wer mit einem gruß beginnt, öffnet viele Türen. Mehr zum respektvollen Umgang steht auf der Seite Gastfreundschaft und Etikette.
Häufige Fragen
Wie viele Muslime leben in Äthiopien?
Laut Volkszählung 2007 rund ein Drittel der Bevölkerung. Neuere amtliche Zahlen liegen nicht vor.
Was ist die erste Hidschra?
Die Auswanderung früher Anhänger Mohammeds um 615 zum König von Aksum, der ihnen Schutz gewährte.
Quellen
- Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Islam und Hiǧra
- J. Spencer Trimingham: Islam in Ethiopia, Oxford 1952
- Central Statistical Agency of Ethiopia: Population and Housing Census 2007
- UNESCO-Welterbeliste: Harar Jugol, the Fortified Historic Town
Stand der Angaben: 3. November 2026



