Ein Volk, mehrere Staaten

Wer im Osten Äthiopiens unterwegs ist hört vor allem Somali. Die Somali-Region ist nach Fläche die zweitgrößte Region des Landes, und ihre Bewohner teilen Sprache, Religion und Clanstrukturen mit den Menschen in Somalia, Somaliland, Dschibuti und Nordkenia. Viele leben als Viehhirten, die mit ihren Herden über die grenze ziehen. Für sie zählt die Linie auf der Karte oft weniger als Weideland, Wasser und Verwandtschaft. Mehr über die Volksgruppen Äthiopiens steht auf der Seite Volksgruppen in Äthiopien.

Momentaufnahme vom 3. November 2026

Die Beziehungen zu Somalia und Somaliland ändern sich häufig. Abkommen, Truppeneinsätze und Erklärungen können innerhalb weniger Wochen neu sein. Diese Seite beschreibt den Stand zum genannten Datum und wird regelmäßig überprüft. Für Reiseentscheidungen gelten allein die aktuellen Hinweise des Auswärtigen Amts.

Der Ogaden-Krieg

Somalia wurde 1960 unabhängig, als sich die frühere britische und die italienische Kolonie zusammenschlossen. Von Anfang an träumten viele in Somalia von einem Großsomalia, das alle Gebiete mit somalischer Bevölkerung vereinen sollte, auch den Ogaden in Äthiopien. Als Somalia 1977 in den Ogaden einmarschierte stand Äthiopien mitten in der Revolution und schien geschwächt. Die somalische Armee eroberte große Teile des Ostens. Doch die Sowjetunion wechselte die Seite und unterstützte nun Äthiopien, Kuba schickte Soldaten. Im März 1978 musste sich Somalia zurückziehen. Mehr zu dieser Zeit erklärt der Glossarbeitrag Derg.

Der Krieg schwächte das Regime von Siad Barre in Mogadischu. 1991 wurde er gestürzt, und Somalia zerfiel in Bürgerkrieg und Clanherrschaft. Über zwei Jahrzehnte hatte das Land keine funktionierende Zentralregierung.

Äthiopien und al-Shabaab

2006 marschierte Äthiopien in Somalia ein, um die Union islamischer Gerichte zu vertreiben, die Mogadischu erobert hatte. Die äthiopischen Truppen blieben bis 2009. Im Widerstand gegen sie erstarkte die miliz al-Shabaab, zuvor der bewaffnete Jugendflügel der Gerichte, eine islamistische Gruppe, die bis heute große Teile Süd- und Zentralsomalias kontrolliert und Anschläge in der ganzen Region verübt. Im Juli 2022 drangen ihre Kämpfer sogar in die äthiopische Somali-Region ein und wurden nach Gefechten zurückgedrängt.

Äthiopische Soldaten sind schon seit etwa 2011 wieder in Somalia im Einsatz, seit 2014 auch im Rahmen der Mission der Afrikanischen Union, die heute AUSSOM heißt, daneben auf Grundlage eigener Absprachen mit der Regierung in Mogadischu. Sie gelten als wichtiger Teil des Kampfes gegen al-Shabaab, ihre Anwesenheit ist in Somalia aber auch umstritten. Einen Überblick über bewaffnete Gruppen gibt die Seite Bewaffnete Gruppen in Äthiopien.

Somaliland

Im Norden Somalias liegt Somaliland, das frühere britische Protektorat. Nach dem Sturz von Siad Barre erklärte es sich im Mai 1991 für unabhängig. Seitdem hat Somaliland eine eigene Regierung, eine eigene Armee, eine eigene währung und hält regelmäßig Wahlen ab, zuletzt im November 2024, als der Oppositionskandidat Abdirahman Mohamed Abdullahi gewann. Im Vergleich zum Süden ist es deutlich friedlicher. Weil Somaliland international nicht anerkannt ist kann es keine Kredite bei internationalen Banken aufnehmen und keine Verträge wie ein normaler Staat schließen. Im Dezember 2025 erkannte Israel Somaliland als erster Mitgliedstaat der Vereinten Nationen an. Somalia verurteilte das scharf.

Somaliland ist für Äthiopien wichtig, weil der hafen Berbera eine Alternative zu Dschibuti bietet. Mit Geld aus den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde Berbera stark ausgebaut, eine Straße verbindet ihn mit dem Osten Äthiopiens. Der Hafen ist allerdings deutlich kleiner als der von Dschibuti.

Das Abkommen von 2024

Was Äthiopien mit Somaliland vereinbarte löste Anfang 2024 eine der schwersten Krisen in der Region aus. Am 1. Januar 2024 unterzeichneten beide Seiten eine Absichtserklärung, nach der Äthiopien einen Küstenstreifen für einen Marinestützpunkt pachten sollte, im Gegenzug war von einer Anerkennung die Rede. Somalia sah darin einen Angriff auf seine Einheit, wies den äthiopischen Botschafter aus und suchte die Nähe zu Ägypten und Eritrea. Im Dezember 2024 vermittelte die Türkei eine Erklärung, in der Äthiopien und Somalia vereinbarten, über einen Handelszugang über somalisches Gebiet zu verhandeln. Das Abkommen mit Somaliland wurde nicht umgesetzt. Mehr dazu auf der Seite Zugang zum Meer.

Die Lage 2026

In Somalia selbst ist die politische Lage angespannt. Im März 2026 verlängerte das Parlament die Amtszeit von Präsident und Abgeordneten von vier auf fünf Jahre und verschob damit die geplante Wahl. Die Opposition und mehrere Bundesstaaten lehnten das ab. Al-Shabaab verübt weiter Anschläge. Im Verhältnis zu Äthiopien bleibt Somalia ein nachbar, mit dem es zugleich zusammenarbeitet und streitet: Äthiopische Truppen kämpfen in Somalia gegen al-Shabaab, gleichzeitig hat sich Mogadischu eng mit Ägypten und Eritrea abgestimmt. Anfang Oktober 2026 nahm Somalias Präsident an einem Treffen mit den Staatschefs von Ägypten, Eritrea und dem Sudan teil, das in Äthiopien als gegen sich gerichtet wahrgenommen wurde.

Ob Somalia zur Ruhe kommt hängt davon ab, ob sich Regierung, Bundesstaaten und Opposition auf Wahlen einigen und ob der Kampf gegen al-Shabaab Erfolg hat. Rund 360.000 Geflüchtete aus Somalia leben in Äthiopien, wie die Seite Flüchtlinge in Äthiopien beschreibt. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Somalia und in das Grenzgebiet auf äthiopischer Seite.

Häufige Fragen

Ist Somaliland ein eigener Staat?

Somaliland hat sich 1991 für unabhängig erklärt und funktioniert weitgehend wie ein Staat. Anerkannt hat es bisher nur Israel, seit Dezember 2025. Somalia betrachtet es als Teil seines Gebiets.

Was war der Ogaden-Krieg?

Ein Krieg von 1977 bis 1978, in dem Somalia versuchte, den von Somali bewohnten Osten Äthiopiens zu erobern. Mit Hilfe der Sowjetunion und Kubas drängte Äthiopien die somalische Armee zurück.

Warum sind äthiopische Soldaten in Somalia?

Sie kämpfen gegen al-Shabaab, teils im Rahmen einer Mission der Afrikanischen Union, teils auf Grundlage eigener Absprachen.

Quellen

  • International Crisis Group: Berichte zu Somalia und Somaliland, 2024 bis 2026
  • Afrikanische Union: AU Support and Stabilization Mission in Somalia (AUSSOM)
  • Präsidialamt der Türkei: Ankara-Erklärung von Äthiopien und Somalia vom 11. Dezember 2024
  • Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Ogaden und Somali
  • Auswärtiges Amt: Somalia, Reise- und Sicherheitshinweise

Stand der Angaben: 3. November 2026