Ein Land vieler Völker

Äthiopien gehört zu den vielfältigsten Ländern Afrikas. Mehr als 80 Volksgruppen leben hier, und fast ebenso viele Sprachen werden gesprochen. Was eine Volksgruppe ausmacht ist vor allem die gemeinsame Sprache, dazu Geschichte, Bräuche und das Gefühl der Zusammengehörigkeit. In der äthiopischen Verfassung heißen diese Gruppen Nationen, Nationalitäten und Völker, und sie haben weitgehende Rechte auf Selbstverwaltung. Wie die Sprachen zusammenhängen, erklärt die Seite Sprachen in Äthiopien.

Die großen Gruppen

Einen ersten Überblick gibt die Volkszählung. Weil die letzte Volkszählung lange zurückliegt sind alle Zahlen mit Vorsicht zu lesen. 2007 ergab sie folgendes Bild. Seitdem dürften sich die Anteile verschoben haben, unter anderem weil die Bevölkerung in manchen Regionen schneller wächst als in anderen und weil sich mehr Menschen in Städten mehreren Gruppen zugehörig fühlen.

VolksgruppeAnteil 2007Vor allem in
Oromo34,5 %Oromia
Amhara26,9 %Amhara, Addis Abeba
Somali6,2 %Somali-Region
Tigray6,1 %Tigray
Sidama4,0 %Sidama
Gurage2,5 %Central Ethiopia, Addis Abeba
Wolaita2,3 %South Ethiopia
Hadiya1,7 %Central Ethiopia
Afar1,7 %Afar
Gamo1,5 %South Ethiopia

Oromo und Amhara

Die Oromo sind die größte gruppe des Landes. Sie leben in weiten Teilen der Mitte, des Westens, Südens und Ostens. Zu ihrer Kultur gehören das Gadaa-System, eine alte Form der Selbstverwaltung nach Altersstufen, und das Dankfest Irreecha. Unter den Oromo gibt es Christen, Muslime und Anhänger der traditionellen Religion. Mehr dazu auf den Seiten Afaan Oromo und Gadaa.

Die Amhara leben vor allem im nordwestlichen Hochland. Ihre Sprache, Amharisch, war über lange Zeit die Sprache des Hofes und des Staates und ist bis heute die meistgesprochene Zweitsprache des Landes. Die meisten Amhara sind orthodoxe Christen. Viele Kaiser stammten aus dem amharischen Adel, was ihre Rolle in der Geschichte prägt und bis heute unterschiedlich bewertet wird.

Tigray, Afar und Somali

Die Tigray im äußersten Norden sprechen Tigrinya, wie viele Menschen im benachbarten Eritrea. Ihre Region war das Zentrum des alten Reiches von Aksum. Die Afar leben in der heißen Tiefebene im Nordosten, viele als Viehhirten und Salzhändler. Die Somali im Osten teilen Sprache und Kultur mit den Menschen in Somalia, Dschibuti und Nordkenia und sind überwiegend Muslime. Für viele Afar und Somali sind Herden aus Kamelen, Ziegen und Rindern die Lebensgrundlage.

Vielfalt zwischen Grabenbruch und Omo

Im Süden ist die Vielfalt am größten. Zu den größeren Gruppen gehören Sidama, Wolaita, Gurage, Hadiya, Gamo, Gedeo und Kafficho. Viele von ihnen leben von Enset, der falschen Banane, und von Kaffee. Die Gurage sind im ganzen Land als Händler bekannt. Ganz im Südwesten, im Tal des Omo, leben kleinere Gruppen wie Hamar, Mursi, Karo oder Dassanetch, oft nur wenige tausend Menschen, mit eigenen Sprachen und Lebensweisen.

Porträt eines jungen Mannes zwischen den Stämmen eines Baumes in Südäthiopien
Im Süden leben besonders viele verschiedene Gruppen auf engem Raum.

Wenn Reisende ins Omo-Tal fahren sollten sie wissen, dass manche Begegnungen dort zu bezahlten Fototerminen geworden sind. Die Seite Omo-Tal beschreibt, wie ein respektvoller Besuch aussehen kann, und warum die Menschen dort mehr sind als Motive.

Der Westen und kleinere Gruppen im Norden

Im Westen, an der Grenze zum Sudan und zum Südsudan, leben Gruppen, deren Sprachen zu den nilosaharanischen Sprachen gehören. In der Region Gambela sind das vor allem die Anuak und die Nuer, deren Siedlungsgebiet über die Grenze in den Südsudan reicht. In Benishangul-Gumuz leben unter anderem Berta und Gumuz. Im Norden gibt es kleinere Gruppen wie die Agaw, deren Sprachen zum kuschitischen Zweig gehören, und die Argobba. In der Stadt Harar leben die Harari mit ihrer eigenen semitischen Sprache. Mehr über den Westen erzählt die Seite Sudan und Südsudan.

Herkunft im Alltag

Wer in Äthiopien nach der Herkunft fragt bekommt oft eine vielschichtige Antwort. Viele Menschen haben Eltern aus verschiedenen Gruppen, wachsen in einer Stadt mit vielen Sprachen auf oder sprechen zu Hause eine andere Sprache als in der Schule. In Addis Abeba ist für viele Kinder Amharisch die muttersprache, auch wenn die eltern aus Oromia, Gurage oder Tigray stammen. Sprache, Herkunft und Religion fallen also nicht automatisch zusammen.

Ein Begriff, der viele Gruppen des Hochlands umfasst, ist Habesha. Er wird oft für Menschen aus dem Hochland Äthiopiens und Eritreas verwendet, wird aber nicht von allen Gruppen gleich verstanden oder für sich angenommen. Mehr dazu im Glossar unter Habesha.

Warum Herkunft politisch ist

Seit 1995 ist Äthiopien ein Bundesstaat, dessen Regionen weitgehend nach Volksgruppen gebildet wurden. Jede Gruppe kann nach der Verfassung eine eigene region beantragen, und tatsächlich sind seit 2020 im süden vier neue Regionen entstanden. Wer zu welcher Gruppe gehört, entscheidet deshalb mit über Landrechte, Arbeitsplätze in der Verwaltung und politischen Einfluss. Für Menschen, die außerhalb ihrer Herkunftsregion leben, kann das bedeuten, als Fremde behandelt zu werden. Viele der Konflikte der letzten Jahre haben hier eine ihrer Wurzeln. Mehr dazu auf den Seiten Die Regionen Äthiopiens und EPRDF und ethnischer Föderalismus.

Ob Herkunft verbindet oder trennt hängt stark von der Politik ab. Im Alltag leben Menschen verschiedener Gruppen in Märkten, Schulen, Kirchen, Moscheen und Familien seit Jahrhunderten zusammen, heiraten untereinander und feiern gemeinsam. Für viele ist es selbstverständlich, sich gleichzeitig als Oromo oder Amhara und als Äthiopier zu fühlen, wie schon ihre Eltern und Großeltern.

Häufige Fragen

Wie viele Volksgruppen gibt es in Äthiopien?

Mehr als 80. Die größten sind Oromo, Amhara, Somali, Tigray und Sidama.

Welche ist die größte Volksgruppe?

Die Oromo, nach der Volkszählung von 2007 gut ein Drittel der Bevölkerung, gefolgt von den Amhara mit gut einem Viertel.

Ist Habesha eine Volksgruppe?

Nein. Habesha ist ein Sammelbegriff, der oft für Menschen aus dem Hochland Äthiopiens und Eritreas verwendet wird, aber nicht von allen Gruppen gleich verstanden wird.

Quellen

  • Central Statistical Agency of Ethiopia: Population and Housing Census 2007, Ethnische Zugehörigkeit
  • Encyclopaedia Aethiopica, Artikel zu einzelnen Völkern und zur Ethnizität
  • Ethnologue: Languages of the World, Ethiopia
  • Verfassung der Demokratischen Bundesrepublik Äthiopien von 1995, Artikel 39

Stand der Angaben: 3. November 2026