Die Vorgeschichte

Italien hatte die Niederlage von Adwa 1896 nie verwunden. Es besaß weiterhin die Kolonien Eritrea im Norden und Italienisch-Somaliland im Südosten, Äthiopien lag dazwischen. Nach der Machtübernahme durch Benito Mussolini 1922 wurde der Plan, Äthiopien zu erobern, Teil der faschistischen Politik. Es ging um Rache für Adwa, um Land für italienische Siedler und um das Bild eines neuen römischen Reiches. Wie Adwa ablief, erzählt die Seite Adwa 1896.

Was an der Grenze bei Walwal geschah nutzte Italien als Vorwand. Im Dezember 1934 kam es an diesem Brunnenort im Ogaden, der eigentlich auf äthiopischem Gebiet lag, zu einem Gefecht zwischen äthiopischen und italienischen Truppen. Äthiopien rief den völkerbund an, dessen Mitglied es seit 1923 war. Doch Großbritannien und Frankreich wollten Mussolini nicht verärgern, und die Verhandlungen zogen sich hin, während Italien Truppen und Material nach Ostafrika schickte.

Der Krieg 1935 und 1936

Am 3. Oktober 1935 überschritten italienische Truppen ohne Kriegserklärung die Grenze von Eritrea aus. Später folgte ein zweiter Vorstoß aus dem Süden. Der Völkerbund verurteilte den Angriff und beschloss Wirtschaftssanktionen, die aber das wichtigste Gut aussparten: Öl. Italien konnte den Krieg deshalb weiterführen.

Die äthiopischen Armeen waren zahlreich, aber schlecht ausgerüstet. Italien setzte Panzer, Artillerie und vor allem Flugzeuge ein. Aus der luft warfen italienische Piloten Bomben und Senfgas ab, auch auf Dörfer, Lazarette und Zivilisten, obwohl Italien das Genfer Protokoll gegen chemische Waffen unterzeichnet hatte. Das Gas verbrannte Haut, Augen und Lungen von Soldaten, Bauern und Tieren und vergiftete Weiden und Wasser. Ende März 1936 unterlag die Armee des Kaisers in der Schlacht von Maychew. Anfang Mai verließ Haile Selassie das Land, am 5. Mai 1936 zogen italienische Truppen in Addis Abeba ein. Mussolini erklärte Äthiopien zu einem Teil Italienisch-Ostafrikas, zusammen mit Eritrea und Somalia.

Die Rede in Genf

Am 30. Juni 1936 sprach Haile Selassie vor der Versammlung des Völkerbunds in Genf. Er beschrieb den Einsatz von Giftgas und forderte die Mitgliedstaaten auf, ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Als der Kaiser in Genf sprach lachten und pfiffen italienische Journalisten auf der Tribüne, bis sie hinausgeführt wurden. Die Rede machte ihn weltweit bekannt, änderte aber wenig: Wenige Tage später beschloss der Völkerbund, die Sanktionen aufzuheben. Viele sahen darin das Scheitern der kollektiven Sicherheit, das wenige Jahre später zum Zweiten Weltkrieg beitrug. Mehr über den Kaiser steht auf der Seite Haile Selassie.

Leben unter der Besatzung

Die Besatzungsmacht führte in Äthiopien Gesetze ein, die Menschen nach Herkunft trennten. Italiener und Einheimische sollten getrennt wohnen, Ehen zwischen ihnen wurden verboten. Wer gebildet war oder verdächtig schien geriet schnell in Gefahr. Gleichzeitig investierte Italien in Infrastruktur, die vor allem der Kontrolle diente. Es baute neue straßen, etwa von Asmara nach Addis Abeba, dazu Brücken, Verwaltungsgebäude und ganze Viertel in der Hauptstadt. Manche dieser Bauten stehen bis heute, und manche Wörter aus dem Italienischen haben sich im Amharischen gehalten, etwa für Werkzeuge und Autoteile.

Auch Kulturgüter wurden geraubt. Die bekannteste Beute war eine der großen Stelen von Aksum, die 1937 nach Rom gebracht und dort aufgestellt wurde. Erst 2005 kehrte sie zurück. Mehr dazu auf der Seite Das Aksumitische Reich.

Yekatit 12: das Massaker von Addis Abeba

Am 19. Februar 1937, nach äthiopischem Kalender der 12. Yekatit, hielt der italienische Vizekönig Rodolfo Graziani eine Feier in Addis Abeba ab. Zwei junge Männer eritreischer Herkunft warfen dabei Handgranaten in die menge der Ehrengäste. Graziani wurde verletzt, mehrere Menschen starben. Die Reaktion war entsetzlich. In den folgenden drei Tagen zogen Schwarzhemden, Soldaten und Zivilisten durch die Stadt, steckten Häuser in Brand und töteten Menschen auf der Straße. Später wurden gezielt gebildete Äthiopier, Adlige, Geistliche und Wahrsager verfolgt und hingerichtet.

Wie viele Menschen in Addis Abeba starben, ist umstritten. Äthiopische Angaben nennen rund 30.000 Tote. Der Historiker Ian Campbell kam nach eigenen Forschungen auf etwa 19.000 bis 20.000 Opfer in der Hauptstadt. Im Mai 1937 ließ Graziani außerdem die Mönche und Pilger des Klosters Debre Libanos töten, weil er sie der Mitwisserschaft verdächtigte. Mehr dazu auf der Seite Debre Libanos. Der 12. Yekatit ist heute als Tag der Märtyrer ein Gedenktag. In Addis Abeba erinnert ein denkmal auf dem Platz Sidist Kilo an die Opfer.

Der Widerstand der Patrioten

Trotz der Gewalt gelang es Italien nie, das ganze Land zu beherrschen. Weil die Besatzer nur die Städte und Straßen kontrollierten konnten Widerstandskämpfer in den Bergen und auf dem Land weiterkämpfen. Sie wurden Arbegnoch genannt, Patrioten. Unter ihnen waren Adlige, Bauern, Priester und auch Frauen, die Waffen trugen, Nachrichten überbrachten oder Kämpfer versorgten. Bekannte Anführer waren Abebe Aregai in Shewa und Belay Zeleke in Gojjam. Ihr Kampf band viele italienische Truppen.

Die Befreiung 1941

Als Italien im Juni 1940 an der Seite Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg eintrat, wurde Äthiopien zum Kriegsschauplatz zwischen Großbritannien und Italien. Britische Truppen und Soldaten aus anderen Teilen des Empire, darunter viele aus Afrika und Indien, griffen Italienisch-Ostafrika von Kenia und dem Sudan aus an. Haile Selassie kehrte Anfang 1941 über den Sudan ins Land zurück, begleitet von einer kleinen Truppe unter dem britischen Offizier Orde Wingate und äthiopischen Kämpfern. Gemeinsam mit den Patrioten drängten sie die Italiener zurück.

Am 5. Mai 1941, genau fünf Jahre nach dem Einmarsch der Italiener, zog der Kaiser wieder in Addis Abeba ein. Der Tag ist bis heute als Tag des Sieges der Patrioten ein Feiertag. Die letzten italienischen Truppen ergaben sich im November 1941 bei Gondar. Großbritannien behielt danach noch einige Jahre großen Einfluss im Land, bevor Äthiopien seine volle Souveränität zurückerhielt.

Erinnerung und Aufarbeitung

Wie viele Menschen insgesamt starben lässt sich nicht genau sagen. Äthiopien bezifferte die Zahl der Toten nach dem Krieg auf mehrere Hunderttausend, darunter Gefallene, Opfer von Gas und Massakern und Menschen, die durch Hunger und Vertreibung starben. In Italien wurde die Gewalt in Äthiopien lange verschwiegen. Erst 1996 räumte die italienische Regierung offiziell ein, dass Giftgas eingesetzt worden war. Als 2012 im italienischen Ort Affile eine Gedenkstätte für Graziani eingeweiht wurde, löste das Proteste in Äthiopien und Italien aus.

Straße zwischen Piazza und La Gare in Addis Abeba mit Bäumen und neuen Hochhäusern
Viele Bauten im Viertel Piazza stammen aus der italienischen Zeit, zwischen ihnen wachsen heute Hochhäuser.

In Äthiopien sind die Jahre der Besatzung fest im Gedächtnis verankert, in Liedern, Romanen und Familiengeschichten. Der Roman „The Shadow King“ von Maaza Mengiste erzählt von Frauen im Widerstand. Mehr dazu auf der Seite Äthiopische Literatur. Einen Überblick über die gesamte Geschichte gibt die Seite Geschichte Äthiopiens.

Häufige Fragen

Wie lange war Äthiopien von Italien besetzt?

Von Mai 1936 bis Mai 1941, also rund fünf Jahre. Das ganze Land kontrollierte Italien in dieser Zeit nie.

Was ist Yekatit 12?

Der 12. Yekatit, der 19. Februar 1937. Nach einem Anschlag auf Graziani töteten italienische Besatzer in Addis Abeba Tausende Menschen. Der Tag ist heute ein Gedenktag.

War Äthiopien eine italienische Kolonie?

Italien erklärte es zum Teil Italienisch-Ostafrikas, es war aber eine kurze militärische Besatzung gegen anhaltenden Widerstand. Deshalb gilt Äthiopien meist als nie kolonisiert.

Quellen

  • Bahru Zewde: A History of Modern Ethiopia, 1855 bis 1991, 2. Auflage, Oxford 2001
  • Ian Campbell: The Addis Ababa Massacre. Italy's National Shame, London 2017
  • Aram Mattioli: Experimentierfeld der Gewalt. Der Abessinienkrieg und seine internationale Bedeutung 1935 bis 1941, Zürich 2005
  • Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Italo-Ethiopian War und Yäkatit 12
  • Völkerbund: Rede Kaiser Haile Selassies vor der Versammlung, Genf, 30. Juni 1936, Archiv der Vereinten Nationen Genf

Stand der Angaben: 3. November 2026