Mehr als ein Symbol
Das Christentum ist in Äthiopien seit dem 4. Jahrhundert verbreitet, und das Kreuz begleitet den Glauben seitdem. Für orthodoxe Gläubige ist es nicht nur ein Zeichen, sondern ein Gegenstand, der Segen vermittelt. Priester segnen damit Menschen, Gläubige küssen es, und bei Festen wird es feierlich durch die Straßen getragen. Wer eine Kirche besucht sieht Kreuze auf dem Dach, an den Türen, auf Gemälden und in den Händen der Priester. Wie der Glaube im Alltag gelebt wird, beschreibt die Seite Religionen in Äthiopien.
Äthiopische Kreuze unterscheiden sich deutlich von den schlichten Kreuzen, die man aus Europa kennt. Viele sind kunstvoll durchbrochen, mit Ornamenten, Flechtmustern und kleinen Kreuzen an den Enden. Die Grundform des Kreuzes ist oft nur noch im Inneren eines feinen gitters zu erkennen. Hinter den Mustern steckt eine Symbolik, die je nach Deutung für Ewigkeit, die Verbindung von Himmel und Erde oder die Ausbreitung des Glaubens steht.
Drei Arten von Kreuzen
Prozessionskreuze sind die größten. Sie werden auf einer langen stange befestigt und bei Gottesdiensten und Festen wie Timkat oder Meskel vorangetragen. Oft hängen bunte Tücher daran. Viele dieser Kreuze sind mehrere Jahrhunderte alt und gehören zu den Schätzen der Kirchen und Klöster.
Handkreuze sind kleiner und haben einen Griff. Priester tragen sie bei sich und halten sie den Gläubigen zum Segen hin. Wenn ein Priester dir das Kreuz entgegenhält küssen Gläubige es oder berühren es mit der Stirn. Als Gast musst du das nicht tun, ein respektvolles Nicken genügt. Halskreuze schließlich tragen viele Gläubige an einer dünnen schnur, der Mateb, die an die Taufe erinnert. Manche Frauen im Hochland tragen außerdem ein kleines Kreuz als Tätowierung auf der Stirn oder am Handgelenk.
Formen aus Aksum, Lalibela und Gondar
Weil fast jede Region eigene Formen kennt gibt es eine große Vielfalt. Sammler und Forscher unterscheiden grob einige Stile, die nach Orten benannt werden. Kreuze im Stil von Aksum gelten als besonders alt und haben oft einfache, gleich lange Arme mit verbreiterten Enden. Kreuze im Stil von Lalibela sind reich verziert und oft rund oder oval mit feinem Gitterwerk. Das Lalibela-Kreuz ist zu einem bekannten Motiv geworden, das auch auf Schmuck und Logos auftaucht. Kreuze aus Gondar und dem Norden haben häufig eine rautenförmige oder rechteckige Grundform mit vielen kleinen Ausläufern. Die Grenzen zwischen den Stilen sind aber fließend. Mehr zu den Felsenkirchen steht auf der Seite Lalibela.
Wie sie hergestellt werden
Kreuze werden aus Messing, Bronze, Silber, Eisen oder Holz gefertigt. Metallkreuze entstehen oft im Wachsausschmelzverfahren: Der Handwerker formt das Kreuz zunächst aus Wachs, umhüllt es mit Lehm und brennt die Form. Das Wachs schmilzt heraus, und in den Hohlraum wird flüssiges Metall gegossen. Jedes Kreuz aus einer wachsform ist deshalb ein Einzelstück. Andere Kreuze werden aus Blech gesägt oder aus Holz geschnitzt. Holzkreuze tragen vor allem Mönche und Priester als Handkreuz. Einen Überblick über weitere Handwerkskünste gibt die Seite Äthiopische Kunst und Handwerk.
Kaufen und ausführen
Wer ein Kreuz als Andenken kaufen möchte findet eine große Auswahl auf Märkten, in Kunsthandwerksläden und in einem souvenirladen in fast jeder größeren Stadt. Was auf dem Markt als alt angeboten wird ist meist neu gefertigt, oft künstlich gealtert. Das ist in Ordnung, solange du nicht für eine Antiquität bezahlst. Echte alte Kreuze aus Kirchen und Klöstern sind Kulturgut. Ihre Ausfuhr ist nur mit Genehmigung erlaubt, ohne Genehmigung droht die Beschlagnahme. Kauf deshalb nichts, was nach Kirchenbesitz aussieht, und lass dir beim Kauf eine Quittung geben. Gute Adressen sind Werkstätten, in denen du den Handwerkern bei der Arbeit zusehen kannst.
Kreuze in Kunst und Architektur
Das Kreuz taucht in der äthiopischen Kunst überall auf. In Handschriften rahmen kunstvolle Kreuzmuster die Seiten, auf Ikonen und Wandmalereien halten Heilige Kreuze in den Händen. Auch die Baukunst nimmt die Form auf. Die Felsenkirche Bete Giyorgis in Lalibela ist von oben gesehen selbst ein Kreuz, und viele Kirchenfenster sind als Kreuz ausgeschnitten. In gewebten Borten von Tüchern und Kleidern, den Tibeb, finden sich ebenfalls Kreuzmotive. Bei Schmuckstücken aus Silber verbinden sich alte Formen mit modernem Design. So ist das Kreuz zu einem Zeichen geworden, das weit über die Kirche hinaus für äthiopische Kultur steht. Mehr zu Stoffen und Kleidung steht auf der Seite Traditionelle Kleidung.
Kreuze bei Festen
Besonders eindrucksvoll erlebst du Kreuze bei den großen Festen. Bei Meskel, dem Fest der Kreuzauffindung im September, wird ein großes Feuer entzündet, auf dessen Spitze ein Kreuz steht. Bei Timkat ziehen Priester mit Prozessionskreuzen, Schirmen und den Tabots durch die Straßen. Mehr dazu steht auf der Seite Meskel und das Demera-Feuer und im Glossar unter Tabot.
Häufige Fragen
Was bedeutet das äthiopische Kreuz?
Es ist Zeichen des Glaubens und Gegenstand des Segens. Die verschlungenen Muster werden oft als Symbol für Ewigkeit und die Verbindung von Himmel und Erde gedeutet.
Darf ich ein altes Kreuz aus Äthiopien ausführen?
Nur mit Genehmigung der zuständigen Behörde. Neu gefertigte Kreuze sind unproblematisch.
Quellen
- Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Cross und Processional Cross
- Mario Di Salvo: Crosses of Ethiopia. The Sign of Faith, Evolution and Form, Mailand 2006
- Institute of Ethiopian Studies, Addis Ababa University: Museum und Sammlungen
Stand der Angaben: 3. November 2026




