Wie die Gemeinden entstanden
Als in den 1980er Jahren immer mehr Menschen aus Äthiopien nach Deutschland flohen, vor allem vor der Militärregierung des Derg fehlte ihnen ein Ort, an dem sie ihren Glauben in vertrauter Form leben konnten. In Köln gründeten Geflüchtete Anfang der 1980er Jahre einen Verein, aus dem die erste größere äthiopisch-orthodoxe Gemeinde in Deutschland wurde. Ein in Heidelberg promovierter Geistlicher übernahm die Seelsorge und begleitete die gemeinde über Jahrzehnte. Später kaufte sie in Köln-Longerich eine lutherkapelle und baute sie zu einer Kirche im äthiopischen Stil um, die dem Erzengel Michael geweiht ist.
In den folgenden Jahren entstanden weitere Gemeinden, etwa 1993 in Berlin die Gemeinde St. Immanuel, dazu Gemeinden in München, Nürnberg, Frankfurt am Main, Hannover und anderen Städten. Die Münchner Gemeinde nannte um 2013 rund neun Gemeinden in Deutschland. Sie gehören zur äthiopisch-orthodoxen Tewahedo-Kirche mit Sitz in Addis Abeba und werden von einem Erzbischof betreut, der für mehrere Länder Europas zuständig ist. Wie die Gemeinschaft der Menschen mit äthiopischen Wurzeln in Deutschland insgesamt aussieht, beschreibt die Seite Diaspora in Deutschland.
Äthiopisch oder eritreisch?
Neben den äthiopischen gibt es in Deutschland viele eritreisch-orthodoxe Gemeinden. Die Kirche in Eritrea ist seit den 1990er Jahren eigenständig und hat ihren eigenen Patriarchen. Beide Kirchen teilen Glauben, Liturgie und Ge'ez als Kirchensprache, gepredigt wird aber auf Amharisch beziehungsweise Tigrinya. Manche Gemeinden in Deutschland sind gemischt. Wie sich die beiden Länder auseinanderentwickelten, erzählt die Seite Eritrea und Äthiopien.
Ein Gottesdienst in Deutschland
Weil viele Gemeinden keine eigene Kirche haben feiern sie ihre Gottesdienste in Räumen, die ihnen evangelische oder katholische Gemeinden zur Verfügung stellen, oft am Sonntagvormittag. Vor Beginn wird der Raum vorbereitet: Ein Tabot wird aufgestellt, Teppiche ausgelegt, Bilder von Heiligen aufgehängt. Die Gläubigen kommen in weißer Kleidung, viele Frauen tragen eine Netela, ein weißes tuch mit farbiger Borte. Was eine Netela ist, erklärt das Glossar unter Netela.
Der Gottesdienst dauert oft drei Stunden oder länger. Gesungen wird auf Ge'ez, gepredigt meist auf Amharisch, in manchen Gemeinden auch auf Afaan Oromo oder Tigrinya. Trommeln und Rasseln begleiten den Gesang, an Festtagen tanzen die Sänger. Wer die Kommunion empfangen will, fastet vorher. Nach dem Gottesdienst treffen sich viele im gemeindesaal zu Kaffee, Injera und Gesprächen. Für viele ist das der wichtigste Treffpunkt der Woche.
Hinweise für Gäste
Wer zum ersten Mal einen äthiopischen Gottesdienst besucht sollte sich vorher bei der Gemeinde melden oder einfach rechtzeitig kommen und sich zurückhaltend verhalten. Gäste sind in der Regel willkommen. Folgende Punkte helfen:
- Lange, schlichte Kleidung tragen, Frauen bringen am besten ein Tuch für den Kopf mit.
- Die Schuhe vor dem Altarraum ausziehen, wenn die anderen es tun.
- In vielen Gemeinden stehen Frauen und Männer getrennt.
- Nicht fotografieren, ohne vorher zu fragen.
- Die Kommunion ist den Gläubigen der Kirche vorbehalten.
Mehr über die Kirche, ihre Lehre und ihre Geistlichen steht auf der Seite Äthiopisch-orthodoxe Kirche.
Feste in Deutschland
Die großen Feste folgen dem äthiopischen Kalender. Weihnachten, Genna, fällt auf den 7. Januar, das Tauffest Timkat auf den 19. Januar, in manchen Jahren auf den 20. Januar. Ostern, Fasika, fällt auf denselben Sonntag wie das westliche Ostern oder bis zu fünf Wochen später. Was in Äthiopien an einem Werktag gefeiert wird verlegen die Gemeinden in Deutschland oft auf das nächste Wochenende, damit möglichst viele kommen können. Zur Osternacht und zu Timkat kommen viele Familien von weit her. Wann die Feste genau sind, zeigt die Seite Feste und Feiertage.
Zwischen den Generationen
Für die Kinder und Enkel der ersten Generation ist die Gemeinde oft der wichtigste Ort, an dem sie mit der Kultur ihrer Eltern in Berührung kommen. Viele Gemeinden bieten eine Sonntagsschule an, in der Kinder Amharisch, das äthiopische Alphabet und Kirchenlieder lernen. Dabei ist die sonntagsschule oft genauso wichtig wie der Gottesdienst selbst. Ob die Kinder die alte Sprache noch lernen hängt viel vom Engagement der Eltern und Ehrenamtlichen ab. Die Gemeinde ist für viele Familien damit auch Sprachschule, Kulturzentrum und Nachbarschaftshilfe in einem.
Auch die Spaltungen der Kirche in Äthiopien haben die Gemeinden in Deutschland berührt. Als sich nach 1991 eine Synode im Exil bildete, schlossen sich manche Gemeinden in der Diaspora ihr an, bis zur Versöhnung 2018. Die Konflikte im Land, vom Krieg in Tigray bis zu Spannungen um die Kirche in Oromia, werden auch in deutschen Gemeinden diskutiert.
Eine Gemeinde finden
Die meisten Gemeinden haben eine eigene Website oder sind über soziale Medien erreichbar. Dort stehen Ort und Zeiten der Gottesdienste, die sich ändern können, wenn eine Gemeinde neue Räume findet. Auch äthiopische Restaurants und Läden wissen oft, wo die nächste Gemeinde ist. Eine Übersicht über Restaurants in den Bundesländern gibt die Seite Äthiopische Restaurants in Deutschland.
Häufige Fragen
Gibt es äthiopisch-orthodoxe Kirchen in Deutschland?
Ja, um 2013 waren es nach Angaben aus den Gemeinden rund neun, unter anderem in Köln, Berlin, München, Nürnberg, Frankfurt am Main und Hannover. Die Kölner Gemeinde besitzt eine eigene Kirche, viele andere nutzen Räume anderer Gemeinden.
Darf ich als Gast einen Gottesdienst besuchen?
In der Regel ja, wenn du dich zurückhaltend kleidest und verhältst. Die Kommunion ist den Gläubigen der Kirche vorbehalten.
Wann feiern äthiopische Gemeinden Weihnachten?
Am 7. Januar. Manche Gemeinden feiern am nächsten Wochenende, wenn das Fest auf einen Werktag fällt.
Quellen
- Äthiopisch-Orthodoxe Kirche in Deutschland e.V., Köln: Festschrift zum 30-jährigen Bestehen, 2013
- Ökumenischer Rat Berlin-Brandenburg: Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo Kirchengemeinde St. Immanuel
- Äthiopisch-Orthodoxe Kirchengemeinde Kidist Mariam München: Geschichte
- Online-Konfessionskunde des Evangelischen Bundes: Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche
- Kirchen in Hannover: Äthiopische Orthodoxe Kirche
Stand der Angaben: 3. November 2026




