Eine der ältesten Kirchen der Welt

Das Christentum wurde im 4. Jahrhundert unter König Ezana Staatsreligion im Reich von Aksum, wie die Seite Das Aksumitische Reich erzählt. Seitdem hat die Kirche Äthiopiens eine eigene Tradition entwickelt. Ihr Glaube und ihr Ritus unterscheiden sich deutlich von denen der Kirchen Europas. Bei der Volkszählung 2007 bekannten sich rund 43 Prozent der Menschen zu ihr, heute sind es nach Schätzungen weit über 40 Millionen Gläubige. Damit gehört sie zu den größten Kirchen der orientalisch-orthodoxen Familie, zu der auch die koptische, die armenische und die syrisch-orthodoxe Kirche gehören. Einen Überblick über alle Glaubensgemeinschaften gibt die Seite Religion in Äthiopien.

Was Tewahedo bedeutet

Das Wort Tewahedo stammt aus dem Ge'ez und bedeutet vereint. Es steht für die Lehre, dass in Christus Göttliches und Menschliches zu einer einzigen Natur verbunden sind. Darin unterscheidet sich die Kirche von der katholischen und der östlich-orthodoxen Tradition, die seit dem Konzil von Chalkedon im Jahr 451 von zwei Naturen sprechen. Heute sehen viele Theologen darin eher einen Unterschied der Begriffe als des Glaubens.

Die äthiopische Bibel ist umfangreicher als die der meisten anderen Kirchen. Sie umfasst nach kirchlicher Zählung 81 Bücher, darunter das Buch Henoch und das Buch der Jubiläen, die anderswo nicht zur Bibel gehören. Das Buch Henoch ist vollständig nur auf Ge'ez erhalten geblieben. Dazu kommen Elemente, die an das Judentum erinnern: Viele Gläubige halten neben dem Sonntag auch den Samstag als Ruhetag, verzichten auf Schweinefleisch und lassen Jungen beschneiden.

Kirchenbau und Gottesdienst

Viele äthiopische Kirchen sind rund oder achteckig und in drei Bereiche gegliedert, die wie Ringe ineinanderliegen. Im äußeren Ring stehen die Sänger, im mittleren empfangen die Gläubigen die Kommunion, und im Inneren liegt das Allerheiligste, in dem der Tabot aufbewahrt wird, eine geweihte Tafel, die die Bundeslade darstellt. Ohne Tabot ist eine Kirche keine Kirche. Was im Allerheiligsten geschieht sehen nur Priester und Diakone. Mehr dazu im Glossar unter Tabot.

Innenraum einer Kirche in Addis Abeba mit Wandmalereien und Gläubigen auf Holzbänken
Wandmalereien mit Heiligen und biblischen Szenen schmücken viele Kirchen, hier in Addis Abeba.

Wer eine äthiopische Kirche betritt zieht vorher die schuhe aus. Frauen tragen ein weißes Tuch über dem Kopf, Männer ein Tuch über den Schultern, und vielerorts stehen Frauen und Männer getrennt. Weil der Gottesdienst sehr früh beginnt kommen viele Gläubige schon vor Sonnenaufgang. Die Liturgie dauert oft drei Stunden oder länger, an hohen Festtagen die ganze Nacht. Gesungen wird überwiegend auf Ge'ez, die Lesungen und Predigten heute meist auf Amharisch, Afaan Oromo, Tigrinya oder anderen Landessprachen. So bleibt die liturgie in der alten Sprache, und die Gemeinde versteht dennoch, worum es geht.

Gesang, Trommel und Gebetsstab

Der Kirchengesang heißt Zema und geht nach der Überlieferung auf den heiligen Yared im 6. Jahrhundert zurück. Er kennt drei Tonarten, die zu unterschiedlichen Zeiten des Kirchenjahrs gesungen werden. Begleitet wird er von großen Trommeln, dem Kebero, und von Sistren, metallenen Rasseln, die an das alte Ägypten erinnern. Jeder Sänger hält einen gebetsstab, auf den er sich während der langen Gottesdienste stützen kann und mit dem er zugleich den Takt der Tänze vorgibt, die zu manchen Gesängen gehören. Wie die Kirchenmusik sich auf andere Musik auswirkte, beschreibt die Seite Begena.

Priester, Diakone und Debtera

Die Kirche hat eine große Zahl von Geistlichen, und jeder Geistliche hat eine klar umrissene Aufgabe. Priester dürfen heiraten, aber nur vor ihrer Weihe, und eine zweite Ehe ist ihnen nicht erlaubt. Diakone sind oft noch Jungen oder junge Männer, die den Priestern im Gottesdienst helfen. Bischöfe werden aus den Mönchen gewählt und leben ehelos. Daneben gibt es die Debtera, Kirchengelehrte, die nicht zum Priester geweiht sind, viele aber zum Diakon. Sie beherrschen den Kirchengesang Zema, die Dichtkunst Qene und den Tanz im Gottesdienst. Sie leiten den Kirchengesang und schreiben traditionell Handschriften, Gebete und Amulette.

Überall im Land gibt es Klöster, oft an abgelegenen Orten, auf Bergen, Inseln oder in Höhlen. Mönche und Nonnen leben dort nach strengen Regeln, viele Klöster bewahren alte Handschriften und Kunstschätze. Bekannt sind etwa die Klöster am Tanasee und das Kloster Debre Damo, das nur mit einem Seil zu erreichen ist. Gläubige schließen sich außerdem in Gemeinschaften zusammen, die sich zu Ehren eines Heiligen treffen, wie das Glossar unter Mahber erklärt.

Fasten und Feste

Das Kirchenjahr folgt dem äthiopischen Kalender. Strenggläubige fasten an bis zu 250 Tagen im Jahr, auf jeden Fall an jedem Mittwoch und Freitag und in der großen Fastenzeit vor Ostern. An Fastentagen essen sie keine tierischen Produkte und bis zum Nachmittag gar nichts. Die großen Feste sind Genna, Timkat, Fasika und Meskel. Dazu kommen monatliche Gedenktage für Heilige, etwa für den Erzengel Michael am 12. und für Maria am 21. jedes Monats. Mehr dazu auf den Seiten Fasika und die Fastenzeit und Feste und Feiertage.

Patriarchen und Spaltungen

Seit dem 4. Jahrhundert, als Frumentius aus Tyros in Alexandria zum ersten Bischof des Landes geweiht wurde, bestimmte die koptische Kirche das Oberhaupt der äthiopischen Kirche. Über viele Jahrhunderte war das ein ägyptischer Mönch, der aus Alexandria entsandt wurde. 1951 wurde mit Abune Basilios erstmals ein Äthiopier Erzbischof. Als die Kirche 1959 ihren ersten eigenen Patriarchen erhielt endete die Abhängigkeit endgültig. Die Geschichte der Patriarchen spiegelt die Geschichte des Landes: Der zweite Patriarch, Abune Tewophilos, wurde unter dem Derg abgesetzt und später ermordet. Nach dem Sturz des Derg 1991 ging Patriarch Merkorios ins Exil, und im Ausland bildete sich eine synode im Exil, der viele Gemeinden in der Diaspora folgten. Erst 2018 versöhnten sich beide Seiten. Seit 2013 ist Abune Mathias der patriarch der Kirche, mit dem Titel Echege des Stuhls von Tekle Haymanot, wie die Seite Debre Libanos erklärt.

Auch die jüngste Zeit war von Spannungen geprägt. Anfang 2023 weihten drei Erzbischöfe ohne Zustimmung der Kirchenleitung Bischöfe für Oromia und andere Regionen, mit der Begründung, die Kirche müsse mehr in den Sprachen der Gläubigen arbeiten. Es kam zu Protesten und Gewalt, bevor eine Einigung gelang. Die Kirche in Tigray löste sich nach dem Krieg weitgehend von der Leitung in Addis Abeba. Ob die Kirche ihre Einheit bewahrt hängt eng mit der politischen Entwicklung im Land zusammen.

Als Gast in der Kirche

Besucherinnen und Besucher sind in den meisten Kirchen willkommen, wenn sie sich zurückhaltend verhalten. Lange Kleidung, ein Tuch für die Frauen und ausgezogene Schuhe gehören dazu, ebenso Zurückhaltung beim Fotografieren. In manche Klöster dürfen Frauen nicht hinein. Wo äthiopisch-orthodoxe Gemeinden in Deutschland zu finden sind, beschreibt die Seite Orthodoxe Gemeinden in Deutschland.

Häufige Fragen

Ist die äthiopische Kirche katholisch oder orthodox?

Orthodox, genauer orientalisch-orthodox. Sie gehört zur selben Familie wie die koptische, armenische und syrisch-orthodoxe Kirche. Daneben gibt es eine kleine äthiopisch-katholische Kirche und die stark wachsenden protestantischen Kirchen.

Wie viele Bücher hat die äthiopische Bibel?

Nach kirchlicher Zählung 81, darunter das Buch Henoch und das Buch der Jubiläen.

Dürfen äthiopisch-orthodoxe Priester heiraten?

Ja, aber nur vor ihrer Weihe. Bischöfe werden dagegen aus den Mönchen gewählt und leben ehelos.

Quellen

  • Ethiopian Orthodox Tewahedo Church: offizielle Darstellung von Geschichte, Lehre und Struktur
  • Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Ethiopian Orthodox Täwaḥədo Church, Däbtära und Qəne
  • Ökumenischer Rat der Kirchen: Ethiopian Orthodox Tewahedo Church, Mitgliedskirche
  • Central Statistical Agency of Ethiopia: Population and Housing Census 2007, Religionszugehörigkeit
  • Online-Konfessionskunde des Evangelischen Bundes: Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche

Stand der Angaben: 3. November 2026