Jugend in Gefangenschaft
Menelik wurde 1844 als Sahle Maryam in Angolala bei Ankober geboren, damals im Zentrum des Königreichs Shewa in der Mitte des heutigen Äthiopien. Shewa war zu dieser Zeit weitgehend selbstständig, regiert von einer Familie, die sich auf die alte salomonische Dynastie zurückführte. Als Tewodros nach Shewa kam nahm er das Königreich 1855 ein. Der junge Thronfolger wurde als Geisel an den Hof des Kaisers gebracht und wuchs dort auf. Tewodros behandelte ihn gut und gab ihm sogar eine seiner Töchter zur Frau.
1865 gelang Menelik die Flucht aus der Festung Magdala. Er kehrte nach Shewa zurück und ließ sich dort zum König ausrufen. Wie es mit Tewodros weiterging, erzählt die Seite Tewodros II. und Magdala.
Vom König zum Kaiser
Als König von Shewa baute Menelik in den folgenden Jahrzehnten seine Macht systematisch aus. Er kaufte Gewehre aus Europa, vor allem über Häfen am Golf von Aden, und schuf eine der am besten ausgerüsteten Armeen am Horn von Afrika. Formal erkannte er Yohannes IV. als Kaiser an, verfolgte aber eigene Ziele. Als Yohannes 1889 in einer Schlacht gegen die Mahdisten aus dem Sudan fiel, ließ sich Menelik zum Kaiser krönen. Im selben Jahr schloss er mit Italien den Vertrag von Wuchale, der wenige Jahre später zum Krieg führen sollte.
Die Ausdehnung nach Süden
Schon als König von Shewa begann Menelik, sein Herrschaftsgebiet nach Süden, Osten und Westen auszudehnen. In den 1880er und 1890er Jahren eroberten seine Truppen große Gebiete, in denen Oromo, Sidama, Wolaita, Kaffa, Somali und viele andere Völker lebten. 1887 fiel Harar, 1897 das Königreich Kaffa. Manche Herrscher unterwarfen sich und behielten dafür einen Teil ihrer Macht, wie Abba Jifar in Jimma. Andere leisteten erbitterten Widerstand, etwa das Königreich Wolaita, das 1894 erobert wurde.
Wer im Süden lebte erlebte diese Zeit oft als Unterwerfung. Land wurde an Soldaten, Offiziere und die Kirche vergeben, und viele Bauern mussten als abhängige Pächter für die neuen Herren arbeiten. Ganze Regionen verloren Bevölkerung durch Krieg, Hunger und Sklavenjagden. Diese Erfahrung prägt die Erinnerung vieler Menschen im Süden und Westen bis heute. Mehr über die Region um Jimma steht auf der Seite Jimma.
Die Gründung von Addis Abeba
Menelik residierte zunächst auf dem Entoto, einem kühlen Bergrücken nördlich der heutigen Hauptstadt. Seine Frau Taytu Betul, eine politisch einflussreiche Adlige aus dem Norden, bevorzugte das Tal darunter, wo die heißen quellen von Filwoha lagen. 1886 ließ sie dort ein Haus bauen. Menelik folgte ihr, und um das Lager des Hofes entstand eine neue hauptstadt. Taytu gab ihr den Namen Addis Abeba, neue Blume. Menelik gilt deshalb gemeinsam mit ihr als Gründer der Stadt.

Die Stadt wuchs schnell, aber ungeordnet. Um die Paläste des Kaisers und die Lager der Fürsten entstanden Viertel mit Hütten, Kirchen und Märkten. Bald fehlte Brennholz, weil die Wälder der Umgebung abgeholzt waren. Weil das Holz knapp wurde ließ Menelik in den 1890er Jahren Eukalyptus aus Australien pflanzen. Der Baum wächst sehr schnell und prägt seitdem das Bild der Stadt und des ganzen Hochlands. Ohne ihn wäre die Hauptstadt wohl wieder verlegt worden. Wie Addis Abeba heute aussieht, beschreibt die Seite Addis Abeba.
Eisenbahn, Telefon und Schulen
Menelik interessierte sich sehr für Technik aus Europa. Unter seiner Herrschaft begann der Bau der Eisenbahn von Dschibuti nach Addis Abeba, die eine französische Gesellschaft baute und die 1917, nach seinem Tod, die Hauptstadt erreichte. Er ließ Telegrafenleitungen verlegen, und das erste telefon verband den Palast mit anderen Teilen des Landes. In Addis Abeba entstanden eine Post, die erste moderne Schule, die bis heute seinen Namen trägt, ein Krankenhaus und 1905 mit der Bank of Abyssinia die erste Bank. Ausländische Fachleute, Handwerker und Diplomaten kamen in die Stadt. Mehr zur Bahnstadt im Osten steht auf der Seite Dire Dawa.
Was Menelik an Neuem ins Land holte stieß nicht überall auf Begeisterung. Teile des Adels und der Kirche fürchteten um ihren Einfluss, und manche Neuerung wurde misstrauisch beäugt. Menelik setzte sie dennoch durch, oft mit großem persönlichem Interesse.
Adwa und die Anerkennung
Den größten Erfolg feierte Menelik 1896. Italien hatte den Vertrag von Wuchale genutzt, um ein Protektorat über Äthiopien zu beanspruchen. Menelik kündigte den Vertrag, und am 1. März 1896 besiegte seine Armee mit Truppen aus fast allen Teilen des Reiches die Italiener bei Adwa. Taytu führte eigene Einheiten. Der Sieg sicherte die Unabhängigkeit und machte Menelik international bekannt. Europäische Staaten schickten Gesandte nach Addis Abeba und schlossen Grenzverträge mit ihm. Die ganze Geschichte erzählt die Seite Adwa 1896.
Krankheit und Nachfolge
1906 erlitt Menelik einen ersten schlaganfall, 1908 einen weiteren. Nach einem dritten im Jahr 1909 konnte er kaum noch regieren. Taytu versuchte, die Regierungsgeschäfte zu führen, wurde aber von anderen Adligen verdrängt. Zum Nachfolger bestimmte Menelik seinen Enkel Lij Iyasu. Menelik starb im Dezember 1913, sein Tod wurde aber zunächst geheim gehalten. Iyasu wurde 1916 abgesetzt. Am Ende setzten sich Meneliks Tochter Zewditu als Kaiserin und Ras Tafari als Regent durch, der spätere Kaiser Haile Selassie. Sein Leben beschreibt die Seite Haile Selassie.
Wie man Menelik heute sieht
Wie man Menelik heute sieht hängt stark davon ab, wen man fragt. Für viele ist er der Kaiser, der Äthiopien gegen die Kolonialmächte verteidigte, das Land einte und modernisierte. Am reiterstandbild auf der Piazza in Addis Abeba legen Menschen am Jahrestag von Adwa Blumen nieder. Für viele Oromo und andere Völker im Süden steht sein Name dagegen für Eroberung, Landraub und Gewalt. Manche erinnern an einen Feldzug in Arsi in den 1880er Jahren, bei dem viele Menschen getötet und verstümmelt wurden. In Anole erinnert seit 2014 ein Denkmal daran.

Diese gegensätzlichen Erinnerungen sind nicht nur Geschichte. Sie spielen in der Politik des heutigen Äthiopien eine Rolle, in Debatten über Föderalismus, Land und Zugehörigkeit. Wer Menelik verstehen will, muss beide Seiten kennen. Einen Überblick über die gesamte Geschichte gibt die Seite Geschichte Äthiopiens.
Häufige Fragen
Wann regierte Menelik II.?
Als König von Shewa ab 1865, als Kaiser von Äthiopien von 1889 bis zu seinem Tod 1913. Ab etwa 1909 war er durch Schlaganfälle kaum noch regierungsfähig.
Wer gründete Addis Abeba?
Menelik II. und seine Frau Taytu Betul. Taytu ließ 1886 bei den heißen Quellen ein Haus bauen und gab der Stadt ihren Namen.
Warum ist Menelik umstritten?
Er verteidigte die Unabhängigkeit gegen Italien, eroberte aber zugleich große Gebiete im Süden mit Gewalt. Diese doppelte Rolle prägt die Erinnerung bis heute.
Quellen
- Bahru Zewde: A History of Modern Ethiopia, 1855 bis 1991, 2. Auflage, Oxford 2001
- Harold G. Marcus: The Life and Times of Menelik II. Ethiopia 1844 bis 1913, Oxford 1975
- Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Mənilək II, Ṭaytu Bəṭul und Addis Abäba
- Richard Pankhurst: The Ethiopians. A History, Oxford 2001
Stand der Angaben: 3. November 2026



