Die Zeit der Fürsten

Bevor Tewodros an die Macht kam, war Äthiopien kaum ein Staat. Von etwa 1769 bis 1855 dauerte eine Epoche, die man Zemene Mesafint nennt, die Zeit der Fürsten. Es gab zwar weiterhin Kaiser in Gondar, doch sie hatten kaum noch Macht. Regionale Herrscher und Kriegsherren kämpften gegeneinander um Land, Abgaben und Einfluss. Wer die Fürsten des Landes einen wollte musste sie zuerst militärisch besiegen. Mehr zu Gondar und dieser Zeit steht auf der Seite Gondar.

Vom Rebellen Kassa zum Kaiser

Tewodros wurde um 1818 als Kassa Hailu in der Landschaft Qwara im Westen geboren, nahe der heutigen Grenze zum Sudan. Seine Herkunft war vergleichsweise bescheiden. Er wuchs mit seiner mutter auf, besuchte eine Klosterschule und schloss sich später als junger Mann bewaffneten Gruppen im Grenzland an. Durch militärisches Geschick und Mut stieg er schnell auf. In den 1840er und 1850er Jahren besiegte er nacheinander die mächtigsten Fürsten des Nordens.

1855 ließ er sich zum Kaiser krönen und nahm den Namen Tewodros an. Der Name war bewusst gewählt: Nach einer alten Prophezeiung sollte ein Herrscher dieses Namens kommen, das Reich einen und Gerechtigkeit bringen. Viele Historiker sehen in Tewodros den Beginn des modernen Äthiopien, weil er als Erster nach langer Zeit versuchte, einen zentralen Staat aufzubauen.

Reformen und Gewalt

Tewodros hatte große Pläne. Er wollte ein stehendes Heer mit bezahlten Soldaten statt Truppen, die sich aus dem Land versorgten. Er wollte die Macht der regionalen Fürsten brechen, Straßen bauen und die Kirche dazu bringen, einen Teil ihres Landes abzugeben. Den Sklavenhandel versuchte er einzuschränken. Er galt als fromm und gebildet, war aber auch jähzornig und hart. Angeblich behandelte er einen einfachen soldaten nicht anders als einen Adligen, was ihm Respekt einbrachte.

Viele seiner Pläne stießen auf Widerstand, bei Adel und Kirche ebenso wie bei Bauern, die unter den Abgaben litten. In den 1860er Jahren brachen in vielen Regionen Aufstände aus. Tewodros reagierte mit zunehmender Härte, ließ Dörfer niederbrennen und Gefangene hinrichten. Am Ende kontrollierte er nur noch einen kleinen Teil des Landes.

Missionare als Kanonengießer

Eine wichtige Rolle spielten europäische Handwerker. Tewodros wollte moderne Waffen und holte dafür Missionare ins Land, viele davon aus dem deutschsprachigen Raum, die von der Pilgermission St. Chrischona bei Basel ausgesandt worden waren. Sie sollten eigentlich predigen, wurden in Gafat bei Debre Tabor aber vor allem als Handwerker eingesetzt. Weil der Kaiser Kanonen wollte mussten sie Werkstätten einrichten und Geschütze gießen. Ihr bekanntestes Werk war eine riesige kanone, die Tewodros Sebastopol nannte. Sie wurde in den letzten Monaten seiner Herrschaft unter großen Mühen über das Gebirge nach Magdala geschleppt.

Der Streit mit Großbritannien

Tewodros suchte Verbündete in Europa, vor allem gegen das Osmanische Reich und Ägypten, die er als Bedrohung ansah. 1862 schrieb er einen Brief an Königin Victoria und bat um Unterstützung. Der Brief blieb in London lange unbeantwortet. Als die Antwort aus London ausblieb ließ der Kaiser 1864 den britischen Konsul Charles Cameron und weitere Europäer festnehmen und in Ketten legen. Auch ein Gesandter, der die Lage klären sollte, wurde gefangen gesetzt.

Die britische Regierung entschied sich 1867 zu einer Militärexpedition, also faktisch zum Krieg gegen den Kaiser. Unter General Robert Napier landeten Ende 1867 rund 13.000 Soldaten, vor allem aus Britisch-Indien, an der Küste des heutigen Eritrea. Dazu kamen Zehntausende Träger und Helfer, Elefanten aus Indien, Maultiere und Kamele. Mit Unterstützung regionaler Herrscher, die Tewodros feindlich gesinnt waren, zog das Heer in mehreren Monaten durch das Hochland nach Süden.

Die Schlacht von Magdala

Tewodros hatte sich auf die Bergfestung Magdala zurückgezogen, ein steiles Plateau im heutigen Amhara. Am 10. April 1868 griffen seine Truppen die britischen Verbände in der Ebene von Arogye unterhalb der Festung an. Gegen die modernen Gewehre der Briten hatten sie keine Chance, Hunderte Äthiopier fielen. Tewodros ließ daraufhin die Gefangenen frei, lehnte eine Kapitulation aber ab.

Am 13. April stürmten die Briten die festung. Tewodros nahm sich das Leben, bevor sie ihn fassen konnten. Der Überlieferung nach mit einer Pistole, die ihm Jahre zuvor ein Geschenk aus England gewesen war. Die Briten setzten die Gebäude auf dem Plateau in Brand und zogen wieder ab. Sie hatten kein Interesse daran, das Land zu besetzen.

Was nach Europa kam

Was die Soldaten in Magdala fanden wurde zusammengetragen und noch vor Ort versteigert. Darunter waren Hunderte Handschriften aus der Bibliothek des Kaisers, Kreuze, Kronen, Kelche, Waffen und Schmuck. Dazu kamen mehrere Tabots, geweihte Tafeln, die in der äthiopisch-orthodoxen Kirche als besonders heilig gelten und nur von Priestern gesehen werden dürfen. Was ein Tabot ist, erklärt das Glossar unter Tabot. Dieses Raubgut landete zum größten Teil im British Museum, in der British Library, im Victoria and Albert Museum und in Privatsammlungen.

Auch der siebenjährige Sohn des Kaisers, Prinz Alemayehu, wurde nach England gebracht, nachdem seine Mutter auf der Reise gestorben war. Er wuchs unter der Obhut eines britischen Offiziers auf, besuchte Schulen in England und starb 1879 im Alter von 18 Jahren. Er liegt in Windsor begraben. Anträge aus Äthiopien, seine Gebeine zurückzugeben, lehnte das britische Königshaus bisher ab.

Die Debatte um Rückgabe

Äthiopien fordert seit Jahrzehnten die Rückgabe der Schätze aus Magdala. Einzelne Stücke sind zurückgekehrt, darunter eine Haarlocke des Kaisers, die ein britisches Museum 2019 übergab, und Gegenstände, die private Besitzer oder Stiftungen zurückgaben. Die großen Bestände, darunter die Tabots im British Museum, sind weiterhin in London. Das Museum zeigt sie nicht öffentlich, weil sie nach äthiopisch-orthodoxem Glauben nicht von Laien gesehen werden sollen. Ob die Stücke zurückkehren sollen wird in Großbritannien und Äthiopien seit Jahren diskutiert, auch im Zusammenhang mit anderen Debatten über Kulturgüter aus der Kolonialzeit.

Erinnerung an Tewodros

In Äthiopien gilt Tewodros vielen als ein nationalheld, der das Land einen wollte und sich lieber das Leben nahm, als sich einer fremden Macht zu ergeben. Sein Bild hängt in Wohnzimmern und Bars, in Liedern und Gedichten wird er besungen. Andere erinnern auch an seine Grausamkeit gegenüber Gegnern und der eigenen Bevölkerung. Beides gehört zu seinem Bild. Seine Nachfolger, vor allem Yohannes IV. und danach Menelik II., setzten fort, was er begonnen hatte, die Einigung des Reiches. Wie das weiterging, erzählen die Seiten Menelik II. und Adwa 1896.

Häufige Fragen

Wann regierte Tewodros II.?

Von seiner Krönung 1855 bis zu seinem Tod in Magdala am 13. April 1868.

Warum kam es zur britischen Expedition?

Tewodros hatte britische Untertanen, darunter den Konsul Charles Cameron, gefangen genommen, nachdem ein Brief an Königin Victoria unbeantwortet geblieben war.

Wo sind die Magdala-Schätze heute?

Der größte Teil liegt im British Museum, in der British Library und im Victoria and Albert Museum in London. Einzelne Stücke wurden zurückgegeben.

Quellen

  • Bahru Zewde: A History of Modern Ethiopia, 1855 bis 1991, 2. Auflage, Oxford 2001
  • Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Tewodros II, Mäqdäla und Alämayyähu Tewodros
  • Richard Pankhurst: The Ethiopians. A History, Oxford 2001
  • British Museum: Sammlungsbestände aus Maqdala 1868
  • Victoria and Albert Museum: Maqdala 1868, Ausstellung und Sammlung

Stand der Angaben: 3. November 2026