Die Anfänge: Luther und Ludolf
Wer nach den Anfängen sucht landet in Wittenberg. Im Jahr 1534 traf dort nach den überlieferten Quellen ein äthiopischer Diakon namens Mikael auf Martin Luther. Die beiden sprachen über Glaubensfragen, und Luther äußerte sich anerkennend über die äthiopische Kirche. Die Begegnung erzählt die Seite zu Sachsen-Anhalt ausführlicher.
Gut hundert Jahre später entstand in Thüringen die Wissenschaft, die sich mit Äthiopien beschäftigt. Der Gelehrte Hiob Ludolf arbeitete eng mit dem äthiopischen Mönch Abba Gorgoryos zusammen, der 1652 an den Hof von Herzog Ernst in Gotha kam. Ludolf veröffentlichte eine grammatik und ein Wörterbuch der alten Sprache Ge’ez und später eine Geschichte Äthiopiens. Viele nennen ihn deshalb den Begründer der Äthiopistik. Mehr dazu steht auf der Seite zu Thüringen und im Glossar unter Ge’ez.
Forscher und Missionare
Im 19. Jahrhundert reisten deutsche Naturforscher, Missionare und Abenteurer nach Äthiopien. Der Frankfurter Naturforscher Eduard Rüppell sammelte in den 1830er Jahren Pflanzen und Tiere und beschrieb Landschaften im Norden. Missionare aus Württemberg und anderen Regionen versuchten, im Land Fuß zu fassen, oft mit wenig Erfolg, aber mit vielen Aufzeichnungen über Sprachen und Bräuche.
Einen besonderen Platz hat die Deutsche Aksum-Expedition von 1906. Kaiser Wilhelm II. schickte ein Team um den Orientalisten Enno Littmann nach Aksum, das mit großem aufwand Stelen, Inschriften und Ruinen vermaß und fotografierte. Was die Forscher damals dokumentierten ist bis heute eine wichtige Quelle, weil manches später beschädigt oder verändert wurde. Die Ergebnisse erschienen 1913 in vier Bänden. Mehr zum Ort steht auf der Seite Aksum.
Diplomatie und Kaiser
Weil Äthiopien nie dauerhaft kolonisiert wurde verliefen die Beziehungen zu Deutschland auf Augenhöhe zwischen zwei Staaten. 1905 reiste eine deutsche Gesandtschaft unter Friedrich Rosen zu Kaiser Menelik II. nach Addis Abeba. Dabei wurde ein handelsvertrag geschlossen, und Deutschland eröffnete bald darauf eine Gesandtschaft in der Hauptstadt. Wie Menelik das Land einige Jahre zuvor gegen Italien verteidigte, erzählt die Seite Adwa 1896.
Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpften beide Länder schnell wieder an. Als Kaiser Haile Selassie 1954 nach Bonn kam war das der erste Staatsbesuch eines ausländischen Staatsoberhaupts in der jungen Bundesrepublik. Unter der Militärregierung des Derg ab 1974 pflegte dagegen vor allem die DDR enge Beziehungen zu Äthiopien. Viele Äthiopierinnen und Äthiopier studierten oder arbeiteten in dieser Zeit in Ostdeutschland. Mehr zum Kaiser steht auf der Seite Haile Selassie.
Sammlungen und Erinnerung
Die lange Beziehung hat auch Spuren in deutschen Bibliotheken und Museen hinterlassen. In Gotha, Berlin, München, Hamburg und anderen Städten liegen äthiopische Handschriften, Ikonen, Kreuze und Alltagsgegenstände. Manche wurden gekauft oder verschenkt, bei anderen ist die Herkunft unklar. Wie solche Sammlungen entstanden sind, wird heute genauer untersucht, auch gemeinsam mit Fachleuten aus Äthiopien. Viele Handschriften sind inzwischen digitalisiert und können weltweit gelesen werden. Für Forschende in Äthiopien ist das ein wichtiger Zugang, für Interessierte in Deutschland eine Gelegenheit, die Schätze aus der Nähe zu sehen. Ein Überblick über die Schrift und ihre Geschichte steht auf der Seite Das Fidel lesen lernen.
Zusammenarbeit heute
Heute ist Deutschland einer der wichtigen Partner Äthiopiens in der Entwicklungszusammenarbeit, etwa in den Bereichen Bildung, Landwirtschaft und Energie. In Addis Abeba gibt es eine deutsche Botschaft, ein Goethe-Institut und eine deutsche Schule. Universitäten beider Länder arbeiten zusammen. An der universität Hamburg gibt es mit dem Hiob Ludolf Centre eines der wichtigsten Zentren für Äthiopistik weltweit. Die politische Lage, die Kriege der letzten Jahre und die aktuelle Situation prägen die Beziehungen ebenfalls. Was das Auswärtige Amt derzeit rät, steht auf der Seite Sicherheit und aktuelle Reisehinweise.
Kaffee, Marathon und Menschen
Im Alltag begegnet dir Äthiopien in Deutschland öfter, als du vielleicht denkst. Wer in Deutschland Kaffee trinkt trinkt mit einiger Wahrscheinlichkeit auch Bohnen aus Äthiopien, denn Deutschland gehört zu den größten Abnehmern äthiopischen Kaffees. Viele Röstereien führen Kaffees aus Yirgacheffe, Sidama oder Guji. Mehr dazu steht auf der Seite Äthiopische Kaffeesorten.
Beim Berlin-Marathon laufen seit Jahren Läuferinnen und Läufer aus Äthiopien an der Spitze. Haile Gebrselassie stellte hier 2007 und 2008 Weltrekorde auf, Kenenisa Bekele lief 2019 eine der schnellsten Zeiten der Geschichte durch die straßen Berlins. Mehr dazu erzählt die Seite Äthiopiens Läuferinnen und Läufer. Und schließlich leben in Deutschland viele Menschen mit äthiopischen Wurzeln. Wie diese Gemeinschaft entstanden ist, beschreibt die Seite Äthiopische Diaspora in Deutschland.
Häufige Fragen
Seit wann gibt es Beziehungen zwischen Deutschland und Äthiopien?
Kontakte gibt es seit dem 16. Jahrhundert. Diplomatische Beziehungen im modernen Sinn begannen mit der deutschen Gesandtschaft 1905.
Wer war Hiob Ludolf?
Ein Gelehrter des 17. Jahrhunderts, der mit dem Mönch Abba Gorgoryos die Erforschung der Sprache Ge’ez begründete. Er gilt als Begründer der Äthiopistik.
Gab es deutsche Kolonien in Äthiopien?
Nein. Äthiopien wurde nie dauerhaft kolonisiert, nur Italien hielt das Land von 1936 bis 1941 besetzt. Die Beziehungen zu Deutschland waren deshalb von Anfang an Beziehungen zwischen zwei unabhängigen Staaten.
Quellen
- Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Germany, Relations with
- Auswärtiges Amt: Deutschland und Äthiopien, bilaterale Beziehungen
- Enno Littmann u. a.: Deutsche Aksum-Expedition, 4 Bände, Berlin 1913
- Universität Hamburg, Hiob Ludolf Centre for Ethiopian and Eritrean Studies
- Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt: Bestände zu Hiob Ludolf
Stand der Angaben: 3. November 2026

