Name und Herkunft
Beta Israel heißt auf Ge’ez Haus Israel. So nannten sich jüdische Gemeinden, die vor allem im Nordwesten Äthiopiens lebten, rund um Gondar, im Simien-Gebirge und am Tanasee. Von außen wurden sie oft Falascha genannt, was so viel wie Fremde oder Landlose bedeutet. Viele empfinden diesen Namen als abwertend, deshalb wird heute meist Beta Israel verwendet oder einfach von den äthiopischen Juden gesprochen.
Woher die Gemeinschaft stammt ist nicht abschließend geklärt. Eine Überlieferung führt sie auf Begleiter Meneliks zurück, des legendären Sohnes von König Salomo und der Königin von Saba. Eine andere sieht in ihnen Nachfahren des israelitischen Stammes Dan. Historiker gehen eher davon aus, dass sich die Gemeinschaft im Mittelalter in Äthiopien selbst formte, aus Gruppen, die sich auf die hebräische Bibel beriefen und vom christlichen Reich abgrenzten. Sicher ist, dass sie seit vielen Jahrhunderten im Land lebte.
Glaube und Bräuche
Die religiöse Grundlage der Beta Israel ist die Orit, die fünf Bücher Mose und weitere Bücher der Bibel in der alten Sprache Ge’ez. Hebräisch war lange Zeit kaum bekannt. Weil die Gemeinden lange isoliert lebten kannten sie den Talmud und viele spätere Entwicklungen des Judentums nicht. Ihre Gottesdienste leiteten Priester, Kes genannt, und es gab Mönche, was im übrigen Judentum unbekannt ist. Gebetet wurde in einem Gebetshaus, oft schlicht gebaut, das Mesgid hieß.
Streng gehalten wurden der Sabbat, Reinheitsgebote und Fastentage. Ein eigenes Fest ist Sigd. Es wird fünfzig Tage nach dem Versöhnungstag Jom Kippur gefeiert. Die Gläubigen stiegen dafür auf einen berg, fasteten, beteten und lasen aus der Orit, um den Bund mit Gott zu erneuern. Heute ist Sigd in Israel ein staatlicher Feiertag. Ge’ez als Sprache der Schriften verbindet die Beta Israel übrigens mit der orthodoxen Kirche. Mehr dazu steht im Glossar unter Ge’ez.
Leben im christlichen Reich
Über lange Zeit lebten die Beta Israel als Minderheit im christlichen Hochland. Zeitweise hatten sie eigene Herrscher und verteidigten ihr Gebiet in den Bergen, später wurden sie besiegt und verloren das Recht auf Landbesitz. Viele arbeiteten deshalb als handwerker, als Töpferinnen, Schmiede und Weber. Ihre Arbeit war gefragt, ihr gesellschaftlicher Status aber niedrig. In Gondar, der alten Hauptstadt, waren sie am Bau von Palästen und Kirchen beteiligt. Wie die Stadt entstand, erzählt die Seite Gondar und die Königsstadt.
Der Weg nach Israel
Im 20. Jahrhundert wuchs der Kontakt zu jüdischen Gemeinden in anderen Ländern. 1973 erkannte der sephardische Oberrabbiner Israels die Beta Israel als Juden an, 1975 folgte die Anerkennung durch die Regierung. Damit hatten sie das Recht auf Einwanderung nach Israel. Unter der Militärregierung des Derg war die Auswanderung aber verboten. Als die Hungersnot Mitte der 1980er Jahre das Land traf flohen viele zu Fuß in den Sudan, oft unter großen Gefahren. Von dort brachte Israel 1984 und 1985 in der Operation Moses tausende Menschen ins Land. Viele starben schon auf dem Weg zu den Lagern.
1991, kurz vor dem Sturz des Derg, holte Israel in der Operation Salomon in wenigen tagen rund 14.000 Menschen mit Flugzeugen aus Addis Abeba. Seitdem sind weitere Gruppen ausgewandert, darunter Nachfahren von Beta Israel, deren Familien zum Christentum übergetreten waren. Heute leben in Israel mehr als 160.000 Menschen äthiopischer Herkunft. Was in Israel als Erfolgsgeschichte erzählt wird hat auch Schattenseiten: Viele erlebten Diskriminierung, Armut und Konflikte um ihre religiöse Anerkennung. Mehr zur Zeit des Derg steht im Glossar unter Derg.
Kultur und Erinnerung in Israel
In Israel hat die Gemeinschaft viele ihrer Traditionen bewahrt und zugleich verändert. Das Sigd-Fest wird jedes Jahr in Jerusalem gefeiert, auf einer Promenade mit Blick auf die Altstadt, wo Kessim in weißen Gewändern beten und tausende Menschen zusammenkommen. Amharisch ist in vielen Familien noch Alltagssprache, besonders bei den Älteren. Musikerinnen, Schriftsteller und Künstler mit äthiopischen Wurzeln erzählen von Ankunft, Heimweh und dem Leben zwischen zwei Kulturen. An die Menschen, die auf dem Weg durch den Sudan starben, erinnert eine staatliche Gedenkstätte in Jerusalem.
Spuren in Äthiopien heute
In Äthiopien leben heute nur noch wenige Beta Israel. Wer heute in die Gegend um Gondar reist findet in einigen Dörfern noch Töpferwaren mit Davidstern, die als Andenken verkauft werden, und Erinnerungen an frühere Gemeinden. In Gondar und Addis Abeba gibt es Gemeinschaften von Menschen, die auf ihre Ausreise nach Israel warten, manche mit einer eigenen synagoge. Ihre Lage ist oft schwierig. Bitte beachte bei Reisen in die Region die aktuellen Hinweise des Auswärtigen Amts, denn für Amhara gilt derzeit eine Reisewarnung. Begegne den Menschen mit großem respekt und frag, bevor du fotografierst. Wie sich die Religionen im Land verteilen, zeigt die Seite Religionen in Äthiopien.
Häufige Fragen
Wer sind die Beta Israel?
Jüdische Gemeinden, die über Jahrhunderte vor allem im Nordwesten Äthiopiens lebten. Heute lebt der Großteil in Israel.
Was ist Sigd?
Ein Fest der Beta Israel fünfzig Tage nach Jom Kippur, bei dem der Bund mit Gott erneuert wird. In Israel ist es heute ein staatlicher Feiertag.
Quellen
- Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Betä Ǝsraʾel
- Steven Kaplan: The Beta Israel (Falasha) in Ethiopia, New York 1992
- Israel Central Bureau of Statistics: The Ethiopian Community in Israel
- Jewish Agency for Israel: Informationen zu Operation Moses und Operation Salomon
Stand der Angaben: 3. November 2026



