Was die Bundeslade ist

Nach der Bibel ließ Mose am Berg Sinai eine Truhe aus Akazienholz bauen, mit Gold überzogen und von zwei Cherubim gekrönt. In ihr lagen die steinernen Tafeln mit den Zehn Geboten. Die Israeliten trugen sie durch die Wüste, später stand sie im Tempel Salomos in Jerusalem. Als die Babylonier 587 vor Christus den Tempel zerstörten, verliert sich in der Bibel ihre Spur. Seitdem ranken sich viele Erzählungen darum, wo die Lade geblieben sein könnte. Die bekannteste stammt aus Äthiopien.

Die Erzählung des Kebra Nagast

Was das Kebra Nagast erzählt beginnt mit einer Reise. Das Werk, dessen Titel Herrlichkeit der Könige bedeutet, entstand in seiner heutigen Form im 14. Jahrhundert auf Ge'ez, greift aber ältere Überlieferungen auf. Es berichtet, dass die königin von Saba, die in Äthiopien Makeda heißt, König Salomo in Jerusalem besuchte, um seine Weisheit kennenzulernen. Aus ihrer Begegnung ging ein Sohn hervor, Menelik.

Als junger Mann reiste Menelik zu seinem Vater nach Jerusalem. Als Menelik nach Äthiopien zurückkehrte nahm er nach der Erzählung die Bundeslade mit, heimlich ausgetauscht von den Söhnen der Priester, die ihn begleiteten. Gott selbst habe gewollt, dass die Lade nach Äthiopien kommt. Damit wurde Äthiopien nach dem Kebra Nagast zum neuen Zion und sein Königshaus zur Linie Salomos. Die Kaiser der salomonischen Dynastie beriefen sich bis 1974 auf diese Abstammung, die auch in der Verfassung des Kaiserreichs stand. Mehr zum letzten Kaiser auf der Seite Haile Selassie.

Die Kapelle in Aksum

Wer nach Aksum kommt fragt meist zuerst nach der Lade. Gezeigt wird eine kleine Kapelle mit grüner Kuppel auf dem Gelände der Kirche der Heiligen Maria von Zion, gleich neben der großen Kathedrale, die Kaiser Haile Selassie in den 1960er Jahren bauen ließ. In dieser Kapelle soll die Lade heute aufbewahrt werden. Die Kirche Maria von Zion gilt als die bedeutendste des Landes, hier wurden früher die Kaiser gekrönt.

Die Kirche hat eine wechselvolle Geschichte. Nach der Überlieferung stand an dieser Stelle schon im 4. Jahrhundert, unter König Ezana, eine Kirche. Im 16. Jahrhundert zerstörten die Truppen von Ahmad Gragn den Bau, Kaiser Fasilidas ließ ihn im 17. Jahrhundert neu errichten. Diese alte Kirche dürfen Frauen nach kirchlicher Tradition nicht betreten, die neue Kathedrale steht allen offen. Jedes Jahr Ende November kommen zum Fest Hidar Tsion viele Pilger nach Aksum, um Maria von Zion zu feiern.

Die Lade bewacht ein einziger Mönch. Er wird auf Lebenszeit bestimmt, darf die kapelle und ihr Gelände nicht verlassen und benennt vor seinem Tod selbst seinen Nachfolger. Nur der wächter sieht die Lade, nicht einmal der Patriarch der Kirche darf sie betrachten. Besucherinnen und Besucher kommen bis an den Zaun der Kapelle, nicht weiter. Mehr über die Stadt und ihre Geschichte steht auf den Seiten Aksum und Das Aksumitische Reich.

Ein Abbild in jeder Kirche

Die Bedeutung der Lade reicht weit über Aksum hinaus. In jeder äthiopisch-orthodoxen Kirche liegt im Allerheiligsten ein Tabot, eine geweihte Tafel aus Holz oder Stein, die eine nachbildung der Gesetzestafeln ist und auf die Lade verweist. Erst der Tabot macht ein Gebäude zur Kirche. Bei großen Festen wie Timkat tragen Priester die Tabotat, in kostbare Tücher gehüllt, in feierlichen Prozessionen durch die Straßen. Mehr dazu auf den Seiten Tabot und Timkat.

Was Geschichte und Archäologie sagen

Ob die Lade wirklich in Aksum steht kann die Forschung nicht beantworten. Weil niemand die Lade sehen darf lässt sich die Überlieferung weder bestätigen noch widerlegen. Historiker weisen darauf hin, dass es aus der Zeit des aksumitischen Reiches keine Quellen gibt, die die Lade erwähnen. Die Erzählung im Kebra Nagast diente auch dazu, die Herrschaft der salomonischen Dynastie zu begründen, die 1270 an die Macht kam. Manche Forschende vermuten, dass in Aksum ein besonders alter und verehrter Tabot aufbewahrt wird, um den sich die Überlieferung gebildet hat.

Andere Theorien über den Verbleib der Lade gibt es viele, von Verstecken in Jerusalem bis zu Höhlen am Toten Meer. Bekannt wurde die äthiopische Überlieferung im Westen auch durch ein buch des britischen Autors Graham Hancock aus dem Jahr 1992 und durch Abenteuerfilme, die mit dem Mythos spielen. Mit Wissenschaft haben diese Bücher und Filme wenig zu tun.

Glaube und Respekt

Für viele orthodoxe Christen in Äthiopien ist die Anwesenheit der Lade keine Frage, sondern Teil ihres Glaubens und ihrer Identität. Dieser Glaube prägt Feste, Gebete und den Bau jeder Kirche. Wer darüber spricht, sollte das respektieren, auch wenn er selbst skeptisch ist. Diese Seite trennt bewusst zwischen dem, was überliefert und geglaubt wird, und dem, was sich historisch belegen lässt. Beides gehört zur Geschichte des Landes. Einen Überblick über die Kirche gibt die Seite Äthiopisch-orthodoxe Kirche. Vor Reisen nach Aksum warnt das Auswärtige Amt derzeit, weil in Tigray wieder gekämpft wird.

Häufige Fragen

Ist die Bundeslade wirklich in Äthiopien?

Nach der Überlieferung der äthiopisch-orthodoxen Kirche ja, in einer Kapelle in Aksum. Belegen oder widerlegen lässt sich das nicht, weil niemand außer einem Wächtermönch sie sehen darf.

Was ist das Kebra Nagast?

Ein Werk auf Ge'ez aus dem 14. Jahrhundert, das von der Königin von Saba, König Salomo und ihrem Sohn Menelik erzählt, der die Lade nach Äthiopien gebracht haben soll.

Kann man das Heiligtum in Aksum besuchen?

Nur von außen. Das Auswärtige Amt warnt derzeit vor Reisen nach Tigray.

Quellen

  • Kebra Nagast. Die Herrlichkeit der Könige, übersetzt von Carl Bezold, München 1905
  • Encyclopaedia Aethiopica, Artikel Kəbrä nägäśt, Ṣəyon und Tabot
  • Stuart Munro-Hay: The Quest for the Ark of the Covenant. The True History of the Tablets of Moses, London 2005
  • UNESCO-Welterbezentrum: Aksum, Eintrag Nr. 15

Stand der Angaben: 3. November 2026